Vienna Biennale: Ein Labor-Bündel bringt die Stadt auf Temperatur

10. Juni 2015, 05:30
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Kunst, Design und Architektur müssen am positiven Wandel mitwirken, so Christoph Thun-Hohenstein: Der Mak-Direktor initiierte die am Donnerstag startende erste Vienna Biennale. Eine Biennale - warum?

Wien - Über 200 Kunstbiennalen hat die Welt. Vermutlich 300. So genau hat das am Podium keiner nachgezählt. Sicher sind sich die versammelten Direktoren eher, dass die Antwort auf die Frage "Wie viele Biennalen braucht die Welt?" keine Zahl ist. Trotzdem: Fix ist, ab Donnerstag kann man zur unbekannten Summe eine Eins addieren, dann startet die neue Vienna Biennale. Gilt also die Frage: Braucht Wien so was?

Über das "Ja" war sich die kürzlich anlässlich des Vienna Gallery Weekends verabredete Runde (Biennale-Initiator und Mak-Direktor Christoph Thun-Hohenstein, der designierte Chef des Wien Museums Matti Bunzl und Kunsthallenleiter Nicolaus Schafhausen) freilich einig, schließlich gehören alle drei zum Kooperationszirkel der Veranstaltung; die Notwendigkeit argumentierte man allerdings variantenreich:

"Wir haben eine Explosion der Biennalen und der Gegenwartskunst, wir haben eine Spektakulisierung", attestierte Bunzl, der Kulturanthropologe, und folgerte: "Ich glaube nicht, dass die Kunstwelt mehr Biennalen braucht." Sie leidet sogar unter dieser Inflation. "Aber Wien - die Stadt - braucht etwas". Der Kulturstandort habe immer Impulse nötig. "Patriotisch-optimistisch" freut er sich - Markus Hinterhäuser zitierend - auf ein "die Temperatur der Stadt hebendes Festival".

Instrument der Aufklärung

Ein Festival? "Ich weigere mich, eine Biennale als Festival zu bezeichnen!" Thun-Hohenstein mag den auf das "Zelebrieren" verweisenden Ausdruck nicht so gern. Auch die Idee des Stadtmarketings weist er von sich. "Das ist nicht mein Job, nicht meine Verantwortung." Wenn die Biennale trotzdem als Motor wirke, soll es ihn aber nicht stören.

Thun-Hohenstein hat viel eher einen Traum: die Biennale als emanzipatorisches, aufklärerisches Instrument. Der positive Wandel der Welt: Ideas for Change. "Biennalen sind ein Werkzeug. Der Kunst kommt dabei die Funktion eines Botschafters zu", formulierte Sabine B. Vogel in Biennalen - Kunst im Weltformat" (Springer, 2010). Solches Sendungsbewusstsein hat durchaus Tradition und inzwischen sogar die Mutter all dieser Großausstellungen infiziert: Dabei formte die Venedig-Biennale ursprünglich den Typus der diplomatischen Nationenschau.

An Prozessen des Umbruchs mitwirken

"Wir leben in einer so markanten Situation, auch in der zivilisatorischen Entwicklung", so Thun-Hohenstein, in der man sich zwei großen Herausforderungen stellen müsste: den Chancen und Gefahren der digitalen Moderne und dem Problem der "Überbeanspruchung des Planeten". Krisen, die nur durch radikalen Einstellungswandel zu managen sind. "Die Kunst müsse sich nicht zu allen Fragen dieser Welt äußern", wie es in Venedig versucht wurde, aber an diesen notwendigen Prozessen des Umbruchs solle Kunst, Design, Architektur - und zwar spartenübergreifend, sich wechselseitig inspirierend - unbedingt mitwirken. Wegen der anderen Sichtweisen. Ist die Vienna Biennale also ein Bündel an Labors? Ja, so könne man das nennen.

Die erste interdisziplinäre Biennale überhaupt - und auch die Erste zum Wandel - findet nun also in Wien statt. Hat Wien da besondere Kompetenzen, um international ernst zu nehmende Impulse zu setzen? Thun-Hohenstein beruft sich auf die Secessionsbewegung, die im Wien der Jahrhundertwende Gleichstellung und Miteinander der Kunstgattungen predigte. Die Hausaufgaben für eine professionelle Biennale hat er gemacht: lokale Begebenheiten mit globalen Perspektiven verknüpfen.

Faktor Aufmerksamkeit

Aber auch der Faktor Aufmerksamkeit ist der Grund, ein Projekt "Biennale" und nicht "Ausstellung" zu nennen: In Wien gebe es für zeitgenössische Kunstformate überhaupt keine Durchdringung in breitere Gesellschaftsschichten, findet Nicolaus Schafhausen. Umso wichtiger seien solche Formate mit höherer Sichtbarkeit.

Für Thun-Hohenstein erzwingt die Dringlichkeit der Themen Aufmerksamkeit. Überdies würden viele Künstler aus der Dekorationsfalle herauswollen, Dinge machen, die nicht dem Diktat und dem Rhythmus der Kunstmessen folgen. Er wolle vielmehr gegenläufig zum internationalen System wirken. "Wir haben uns in einen unglaublichen Aufwand hineingesteigert". Downgrading also. Gut geht auch weniger teuer.

Die Ausstellungsbudgets haben für die Biennale trotzdem nicht gereicht. Wie glaubwürdig ist jedoch eine Biennale zum Wandel, die auch gegen die Ökonomisierung aller Lebensbereiche antritt, wenn sie Unternehmen mit Kapitalinteressen als Sponsor braucht? "Ich bin ein Verfechter der Inklusion", so Thun-Hohenstein. Es sei wichtig, für die anstehenden Aufgaben die Unternehmen als Verbündete an Bord zu holen. (Anne Katrin Feßler, 10.6.2015)

Vienna Biennale, 11. 6. bis 4. 10.

Weiterlesen: Heile die Welt: Kunst denkt an morgen - Versuch einer ersten Orientierung bei der Vienna Biennale

  • "Die Art der Cariocas, Städte zu schaffen": Arbeit in der Schau "Uneven Growth" zum Thema Megacities. Dies ist eine von acht Ausstellungen der Vienna Biennale, die sich im Mak und andernorts - zum Auftakt besonders breit aufgefächert - Ideen für den "Wandel" widmet.
    foto: rua arquitetos / mas urban design, eth zürich

    "Die Art der Cariocas, Städte zu schaffen": Arbeit in der Schau "Uneven Growth" zum Thema Megacities. Dies ist eine von acht Ausstellungen der Vienna Biennale, die sich im Mak und andernorts - zum Auftakt besonders breit aufgefächert - Ideen für den "Wandel" widmet.

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