Nachbarstaaten der Türkei beschäftigen sich mit der Wahl

9. Juni 2015, 17:18
4 Postings

Nachdem sich die Türkei zu einem wichtigen Faktor in der krisengeschüttelten arabischen Region entwickelt hat, sind auch sie vom Resultat betroffen

Es gebe viele gesunde Phänomene in der Türkei mit freien und transparenten Wahlen - nicht wie in anderen Ländern, die ohne Parlament und mit der Logik der pharaonischen Herrschaft leben müssten, kommentierte im Internet eine Stimme mit einem Seitenhieb auf den ägyptischen Präsidenten Abdelfattah al-Sisi. Die Tatsache, dass in der Türkei demokratische Wahlen stattfinden, war vielen Beobachtern in der arabischen Welt einen besonderen Hinweis wert.

Ein ägyptischer Analytiker, der den Islamisten wohlgesinnt ist, meinte, die Stimmenverluste seien vor allem für Präsident Tayyip Erdogan selbst positiv: Sie würden ihm helfen, nicht in die Falle des absoluten Machtanspruchs zu tappen. Die Menschen hätten gesprochen, genug sei genug, und vom neuen moderaten Gleichgewicht würden alle profitieren, insbesondere die Kurden. Der Traum des Sultans sei geplatzt. Die Menschen in der Region würden aber auch keinen neuen Sultan oder Ayatollah wollen, befand der Analytiker einer panarabischen Zeitung. Erdogans Machtstreben und sein Versuch, jede Opposition zu zerstören, hätten zu Spannungen im demokratischen System des Landes geführt; nicht mehr alle könnten ohne Angst ihre Meinung sagen.

Außenpolitische Dimension

Die meisten Kommentare befassten sich aber mit der außenpolitischen Dimension des Urnengangs. Die türkischen Nachbarn müssten sich auf verschiedene Szenarien einstellen, denn ob sie es mögen oder nicht: Die Türkei habe sich in dieser turbulenten Region als ein Staat etabliert, mit dem zu rechnen sei. Die Folgen der Wahl seien deshalb nicht auf die Türkei beschränkt, heißt es in einem Leitartikel einer libanesischen Tageszeitung.

Besonders aufmerksam haben saudi-arabische Medien die Geschehnisse in der Türkei verfolgt. Unter dem neuen Herrscher hat das Königreich in den letzten Monaten große Anstrengungen unternommen, um die Gräben mit einigen Nachbarn, vor allem mit der Türkei, zuzuschütten. Mit der Hilfe Ankaras schmiedet König Salman neue Allianzen, etwa in Syrien. Riad versucht Erdogan auch dazu zu bewegen, eine Annäherung an Ägypten anzustreben - mit dem Ziel, einen starken sunnitischen Block aus der Türkei, Saudi-Arabien und Ägypten gegen den Iran zu formen.

Mit diesen Vorstellungen Riads seien große Teile der türkischen Bevölkerung und auch Teile der Opposition nicht einverstanden. Im Interesse der Region bedeute deshalb ein starker Erdogan, trotz seiner Fehler, Stabilität in der Türkei, bringt ein saudischer Kommentator die Erwartungen seines Landes auf einen Nenner. (Astrid Frefel aus Kairo, 9.6.2015)

  • Präsident Erdogan beobachtet und wird beobachtet.
    foto: ap/vadim ghirda

    Präsident Erdogan beobachtet und wird beobachtet.

Share if you care.