Virtueller Röntgenpass gegen Strahlenbelastung

13. Juni 2015, 13:53
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Steirische Entwicklung soll es Patienten künftig ermöglichen, einen Überblick über ihre individuelle Strahlenbelastung zu bekommen

Graz - Röntgen ist eines der wichtigsten bildgebenden Verfahren in der Medizin, um Anomalien im Körper zu diagnostizieren. Doch wie weithin bekannt ist, sind die elektromagnetischen Strahlen, die sich teilweise mit den radioaktiven Gammastrahlen überschneiden, nicht ungefährlich und können bei hoher Dosis zu Strahlenkrankheiten wie Krebs führen. Ein steirisches Forschungsprojekt hat sich daher zum Ziel gesetzt, die Strahlenbelastung durch Röntgen zu minimieren.

Beim sogenannten E-Röntgenpass handelt es sich um eine virtuelle Übersicht über sämtliche Röntgenuntersuchungen einer Person sowie die grafische Darstellung der kumulierten Strahlendosis. Dadurch dass Röntgenbilder und Computertomografien von den unterschiedlichen Fachärzten durchgeführt werden, verliert der Patient im Laufe der Zeit den Überblick über die Strahlung, der man bereits ausgesetzt war - der eRöntgenpass will diese Informationslücke schließen.

Anmeldung per Bürgercard

Entwickelt wurde der E-Röntgenpass im Rahmen des EU-Projekts Palante von E-Health-Experten der Fachhochschule Joanneum, der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft (KAGes) und dem Gesundheitsfonds Steiermark. "Der steirische E-Röntgenpass enthält zurzeit alle radiologischen Untersuchungen, die seit Jänner 2014 in Einrichtungen der KAGes durchgeführt wurden", sagt Projektkoordinator Peter Seifter vom Studiengang E-Health der FH Joanneum. Für die Zukunft ist auch die Anbindung von privaten Krankenanstalten und radiologischen Instituten geplant.

Interessierte können über das Patienten-Portal der KAGes nach Authentifizierung und Anmeldung mit der österreichischen Bürgerkarte oder Handy-Signatur ihren persönlichen E-Röntgenpass einsehen.

Das Ausmaß der im Zuge der Untersuchungen angefallenen Strahlenexposition wird über die sogenannte effektive Dosis angegeben. Diese wird auf Basis der vorhandenen Daten errechnet und ist das etablierte Maß für die Abschätzung des mit einer bestimmten Bestrahlung verbundenen Risikos.

Krebsgefahr variiert

Mithilfe der effektiven Dosis können verschiedene Arten von Röntgenuntersuchungen hinsichtlich ihres Strahlenrisikos verglichen und unterschiedliche Expositionen addiert werden. Neben der Auflistung aller radiologischen Untersuchungen, der effektiven Dosis pro Untersuchung und der grafischen Darstellung der kumulierten Dosis im Verhältnis zur natürlichen Strahlenexposition finden Interessierte auch allgemeine Informationen über Radiologie und Strahlenexposition.

Wie groß die Krebsgefahr bei einer bestimmten Strahlenmenge ist, lässt sich nicht genau bestimmen, weil das Risiko je nach Patient unterschiedlich ist. Auch variiert die Strahlendosis bei den verschiedenen Untersuchungen: Während sie etwa bei Röntgenaufnahmen von Zähnen oder Gliedmaßen relativ gering ist, wirkt bei einer Computertomografie eine beträchtlich höhere Strahlendosis auf den Körper ein.

Empowerment von Patienten

Aus den Informationen des E-Röntgenpasses ergibt sich zwar keine "rote Linie", die keinesfalls überschritten werden sollte, meint Seifert, immerhin aber eine bessere Risikoeinschätzung bestimmter Untersuchungen durch den Patienten selbst. "Uns geht es vor allem um Empowerment der Patienten", sagt Seifter. "Sie sollen ein Bewusstsein dafür bekommen, dass Röntgen- und Computertomografie-Untersuchungen auch Nebenwirkungen haben, die man gegen den Informationsgewinn durch ihren Einsatz abwägen muss."

Könnte die neue Info-Möglichkeit die Patienten nicht auch verunsichern und Angst vor radiologischen Diagnose- und Behandlungsformen schüren? Seifert: "Das System liefert keine patientenbezogenen Angaben über das durch Strahlenexposition verursachte individuelle Risiko. Es vermittelt den Leuten grundlegendes Wissen, mit dem sie vernünftige Entscheidungen treffen können."

Letztlich gehe es darum, nur medizinisch wirklich notwendige Bestrahlungen durchzuführen und die Sensibilität sowohl bei den Patienten als auch bei den Ärzten zu erhöhen. Falls es gelingt, über den E-Röntgenpass einen kritisch-vernünftigen Umgang mit Röntgenuntersuchungen zu fördern, ohne bei den Patienten Verwirrung oder eine grundsätzliche Ablehnung dieser Diagnoseform hervorzurufen, profitiert natürlich auch das Gesundheitssystem. Immerhin könnten auf diese Weise teure Untersuchungen eingespart werden, so sie nicht unverzichtbar sind.

Wie die Patienten auf das neue Angebot reagieren, wird sich nach Abschluss der ersten Evaluierung im August zeigen. (Doris Griesser, 10.6.2015)

  • Dieses Röntgenbild zeigt die Lunge eines Patienten mit Atmungsproblemen. Röntgen ist trotz des Strahlenrisikos eines der wichtigsten bildgebenden Verfahren der Medizin.
    foto: epa / european respiratory society

    Dieses Röntgenbild zeigt die Lunge eines Patienten mit Atmungsproblemen. Röntgen ist trotz des Strahlenrisikos eines der wichtigsten bildgebenden Verfahren der Medizin.

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