Indiens Kultgericht Maggi-Nudeln verboten

11. Juni 2015, 07:00
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Seit Jahrzehnten sind die Instant-Nudeln ein Verkaufshit. Nun wurden bei ihnen erhöhte Blei- und Glutamatwerte gefunden

Nestlé-Konzernchef Paul Bulcke flog persönlich nach Neu-Delhi, um zu retten, was zu retten ist. Die Nudeln seien sicher, versicherte er vor laufenden Kameras. Der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern kämpft um seinen guten Ruf. Jahrzehntelang waren seine Maggi-Nudeln Marktführer auf dem Subkontinent. Doch nun will Indien sie aus den Regalen verbannen, weil Tester erhöhte Blei- und Glutamat-Werte fanden.

17 Bundesstaaten haben den Verkauf verboten, andere wollen nachziehen. Und Indien ist in Aufruhr, ja geradezu im Schockzustand. So populär waren die Nudeln, dass das Thema seit Tagen die Medien beherrscht. "Eine ganze Generation von Indern trauert", schrieb der Indian Express.

Auf Twitter lassen Fans ihren Gefühlen freien Lauf. Studenten treffen sich schweren Herzens zu einem "letzten Maggi-Mahl". Andere fühlen sich betrogen. "Verbannt Maggi, rettet Leben", heißt es auf Plakaten von Demonstranten. Zeitungen veröffentlichten Tipps mit Alternativrezepten.

Indiens kulturelle Revolution

Maggi ist in Indien mehr als ein bequemes Schnellessen. Die krausen Zwei-Minuten-Nudeln haben fast Kultstatus. Seit Nestlé sie 1983 in Indien einführte, avancierten sie neben Reis und Linsen quasi zum inoffiziellen Nationalgericht. Vor allem bei Studenten, Armen sowie berufstätigen Müttern sind die Fertignudeln beliebt, die mit zwölf Rupien, umgerechnet 17 Cent, für fast jeden erschwinglich sind.

Für Indien war das Packerlgericht eine kulturelle Revolution, ein Bruch mit der traditionellen Slowfood-Küche, die lange Zubereitung erfordert. Die Instantnudeln befreiten vom stundenlangen Kochen. Die "Maggi-Mom", die ihre Kinder mit Fertignudeln aufzieht und Beruf und Haushalt unter einen Hut bekommt, wurde zur populären Werbefigur, was Konservative bis heute ärgert. Die heutigen Mütter seien zu faul, selbst zu kochen, giftete Usha Thakur von der Regierungspartei BJP.

Nestlé wehrt sich gegen Vorwürfe

Ganze Studentengenerationen waren süchtig nach dem Fertiggericht. Doch damit ist nun vorerst Schluss. Indiens Lebensmittelaufsicht stufte die Nudeln als "gefährlich" ein und forderte alle Bundesstaaten auf, den Verkauf zu verbieten. So seien bei 15 von 29 Proben erhöhte Bleiwerte gefunden worden. Außerdem sei der Geschmacksverstärker Glutamat nicht ausgezeichnet gewesen. Nestlé wehrt sich: Es liege daran, wie getestet werde.

Umsatzmäßig kann Nestle den Rückschlag verkraften, doch der Imageschaden ist groß und könnte auf das gesamte Maggi-Sortiment mit Saucen und Suppen abfärben. Zudem zieht die Maggi-Affäre immer weitere Kreise. Die Regierung wolle Nestlé auf Schadensersatz verklagen. Sogar sonst unantastbare Bollywood-Stars wie Amitabh Bachchan und Preity Zinta, die für die Nudeln warben, sollen vor Gericht gezerrt werden. Angesichts des Aufruhrs nahm Nestlé seinen Verkaufshit "vorsorglich" in Indien selbst vom Markt. Der Konzern hat angeblich die renommierte US-Werbeagentur APCO Worldwide engagiert, um die Krise zu meistern.

Auch anderes Fastfood soll getestet werden

Einige Inder wittern alte anti-kolonialistische Reflexe hinter der Maggi-Affäre. Warum werde der westliche Gigant Nestlé aus den Regalen gedrängt, fragen Skeptiker. Inzwischen haben Behörden jedoch angekündigt, dass sie auch Fastfood anderer Anbieter testen wollen. Einige Experten glauben, dass ein Großteil der indischen Lebensmittel erhöhte Werte bei bedenklichen Substanzen aufweist - und eigentlich für den Verzehr ungeeignet ist. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, 11.6.2015)

  • In vielen Regionen Indiens wird derzeit gegen Maggi-Instantnudeln protestiert ...
    foto: apa/epa/sanjeev gupta

    In vielen Regionen Indiens wird derzeit gegen Maggi-Instantnudeln protestiert ...

  • ... teilweise werden sie auch demonstrativ angezündet.
    foto: apa/epa/str

    ... teilweise werden sie auch demonstrativ angezündet.

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