Präsentation: Schule der Zukunft

9. Juni 2015, 15:46
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Sechs Schülerinnen und zwei Schüler malten sich in Anleitung und Regie von Clemens Lukas Luderer die Horrorvorstellung einer "Schule der Zukunft" aus

Die Koalitionsparteien blockieren einander in Grabenkämpfen um Ganztags- und Einheitsschule. Vielleicht zum Glück. Zwar hat unser Schulwesen Reformen bitter nötig. Aber solche, durch die das Menschliche in Klassenzimmern und Schulhöfen nicht noch weiter auf der Strecke bleibt. Solche, die Lösungskompetenzen an verständlichen Modellen entwickeln, statt die jugendlichen Köpfe wie Computer mit immer noch größeren Datenmengen voll zu stopfen. Solche also, die in der Realität zu bestehen helfen.

Die Architekten der nächsten Schulreform sollten dringend nach Villach-Lind fahren, wo sich sechs Schülerinnen und zwei Schüler der Handelsakademie in einem Projekt der Neuen Bühne Villach in Anleitung und Regie von Clemens Lukas Luderer die Horrorvorstellung einer "Schule der Zukunft" ausgemalt haben. Auf dieser Reformstufe sind die Jugendlichen wie Hochleistungssportler bereits ausgetüftelten Ernährungsprogrammen unterworfen, der IQ wird mit elektronischen Impulsen stimuliert, die Lehrer sind nicht nur real verschwunden, sondern auch als Berufsbezeichnung, und das zusammen mit 90 Prozent der Inhalte der letzten fünf Suchmaschinen der Welt: Denn die dahinter stehenden Internetkonzerne haben, allen Idealisten zum Trotz, die da die längste Zeit noch von Demokratie und politischen Gestaltungsräumen gefaselt hatten, die Weltregierung kurzerhand kaltgestellt.

Es ist bei aller gebotenen Einfachheit theatralisch sehr überzeugend, wie sich das Ensemble aus Lernenden allen Social Media, Selfies und Pornoseiten ratlos ausgeliefert findet und am Sinn des Weltganzen allmählich irre wird. Die Aggressionen wachsen und es gibt den ergreifend vorwurfsvollen Auftritt eines Mädchens, das immerzu nur wiederholt: "Ich bin die Behinderte. Ich weiß es. Und ihr wisst es." Die teilweise schon absurde Zersplitterung der digitalen Informationen - "Adolf Hitler wurde 1939 für den Friedensnobelpreis nominiert" - es ist nicht so leicht in ein entstehendes Weltbild zu ordnen. Obwohl es nicht das ist, das sich die Jugendlichen am Ende der aufschlussreichen Produktion nach Lehrern aus Fleisch und Blut zurücksehnen lässt. Das ist schon, dass die Mädchen damals noch tuscheln konnten: "Hast du seinen geilen Arsch gesehen?" Das war noch eine Schule des Lebens. (Michael Cerha, 9.6.2015)

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