Raus aus der Konflikt-Komfortzone

Userkommentar11. Juni 2015, 16:02
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Politische und militärische Lösungsstrategien kommen künftig ohne entwicklungs- und klimatechnische Facetten nicht mehr aus

Wir alle neigen dazu, vermeintlich offensichtliche Gegebenheiten schnell als selbstverständlich hinzunehmen. Die Konflikte im Nahen Osten werden beispielsweise geradezu selbstverständlich auf die üblicherweise in diesem Zusammenhang genannten Ursachen wie zum Beispiel interkonfessionellen oder interethnischen Hass reduziert. Sind es nicht ethnische oder konfessionelle Gründe, dann werden diese Konflikte häufig aus machtpolitischen Blickwinkeln analysiert. Demnach nutzt das Kaderpersonal gefallener Regime religiöse und ethnische Konflikte als Vehikel auf dem Weg zurück zur Macht. Viele dieser Gründe sind gemeinhin bekannt und spielen manchmal mehr, manchmal weniger offensichtlich eine gewisse Rolle.

Vereinfachende Sichtweisen

Im Umgang mit einem komplexen Umfeld wie dem Nahen Osten dienen derartig vereinfachende und verabsolutierende Sichtweisen dazu, vielschichtige Konflikte vermeintlich leicht einordnen zu können, um in einer zunehmend komplizierten Welt nicht die Übersicht zu verlieren. Wir schaffen uns dadurch eine Komfortzone im Konfliktdiskurs. Speziell im Fall der Krisen im Nahen Osten sparen derartige Erklärungsansätze aber wichtige Konfliktursachen aus, nämlich zunehmende Konkurrenzkämpfe um knappe Ressourcen.

Mit Klimaveränderung steigt Konfliktwahrscheinlichkeit

Die sogenannte "Grace Mission" (Gravity Recovery and Climate Experiment) der Nasa kam beispielsweise zu dem Schluss, dass Wasserknappheit und damit einhergehende Migrationsbewegungen der agrarischen Bevölkerung für den Ausbruch des Syrien-Konflikts mitverantwortlich gewesen sein könnten. Trockenphasen und Wasserknappheit spielen auch in anderen Konflikten eine wesentliche Rolle. Gestiegene Lebensmittelpreise nach einer Dürrewelle waren etwa für den Beginn der Revolution in Tunesien und den Ausbruch des Arabischen Frühlings mitverantwortlich. Es ist kein Zufall, dass sich in der Kategorie "Failed States" (Gescheiterte Staaten) zahlreiche wasserarme beziehungsweise dürregeplagte Länder wie Somalia, Libyen und nun auch der Jemen finden.

Damit soll nicht behauptet werden, dass klimatische Belastungen oft die eigentlichen Konfliktursachen sind. Machtpolitische Konstellationen und ethnische und religiöse Unterdrückung sind selbstverständlich wichtige Gründe für die derzeitigen Konflikte. Es lässt sich allerdings feststellen, dass klimatische Veränderungen, insbesondere die globale Erwärmung und die damit einhergehende Zunahme von Wetterextremen, multiplizierend auf gegebenen Unsicherheiten wirken und die Wahrscheinlichkeit von Konflikten erhöhen. Mit anderen Worten, die Wahrscheinlichkeit von Konflikten wird mit dem Voranschreiten des Klimawandels besonders in Krisengebieten exponentiell zunehmen.

Klima- und Außenpolitik im Doppel

Außenpolitik-Expertinnen und -Experten wie Thomas Friedman, der außenpolitische Chefberichterstatter der "New York Times", beziehen daher häufig Klimapolitik in ihre außenpolitischen Analysen ein oder engagieren sich selbst aktiv für die Bekämpfung des Klimawandels. So initiierte der frühere Chefredakteur des britischen "Guardian", Alan Rusbridger, eine mittlerweile mehr als 200.000 Unterstützer starke Klimakampagne. Klima- und Entwicklungspolitik bietet uns lang- und mittelfristige Handlungsmöglichkeiten, während wir über viele der Konfliktfaktoren wie Stammesfehden oder religiöse Intoleranz entweder nicht disponieren können oder diese uns von vornherein nicht bekannt sein können.

Klimatische Veränderungen gering halten

Langfristig wird es von entscheidender Bedeutung sein, dass auf der anstehenden UN-Klimakonferenz Ende November in Paris ausreichende Anstrengungen unternommen werden, dass künftige klimatische Veränderungen so gering wie möglich ausfallen.

Mittelfristig ist es nötig, einen Klimafonds mit erheblichem Kapitalumfang zu schaffen, der etwaige Auswirkungen abdämpft. Manche dieser Anstrengungen wurden bereits auf den Weg gebracht. Die Weltbank, die häufig als ein Schattenministerium der G7-Staaten agiert, passt derzeit interne Standards an, um Kredite flexibler an Krisenstaaten vergeben zu können. Und die Ausstattung des UN-Klimafonds wird derzeit mit gesteigerter Aufmerksamkeit verhandelt. Außerdem hat der US-Präsident das Thema Klimawandel in einer vielbeachteten Rede an einer amerikanischen Militärakademie zu einer Angelegenheit der nationalen Sicherheit erhoben und unterstrichen, dass militärische Strategien auf den Zusammenhang von klimatischen Veränderungen und Konflikten vermehrt Bedacht nehmen müssen.

Allerdings lässt sich diese Angelegenheit nicht beschränkt auf die nationale Sicherheit betrachten. Und militärische Führungskräfte werden dieses Problem nicht durch die Ausgabe einiger vorausschauender Befehle lösen können. Verlassen wir die Konflikt-Komfortzone und fügen wir militärischen und politischen Strategien für die Lösung von Konflikten die nötigen entwicklungs- und klimatechnischen Facetten hinzu.

Umweltmigration neu bewerten

Häufig mangelt es noch an Wissen über das genaue Zusammenspiel von Umweltfaktoren und Konflikten. In den Bereichen, in denen intensive Forschung betrieben wird, zeigt sich allerdings, dass vermeintliche Gewissheiten neu bewertet werden müssen. So hat die Forschung im Bereich Umweltmigration lange Zeit Adaptionsstrategien im Angesicht von Klimaveränderungen unterbewertet und (zumindest teilweise) fälschlich die Vorstellung von einer neuen Kategorie von Migranten, Umweltflüchtlingen, und damit einhergehenden massenhaften Migrationsströmen hervorgerufen.

Die kommende Klimakonferenz bietet eine Chance, das Wissen über solche Adaptionsstrategien und generell das Zusammenwirken von Umweltfaktoren und Gesellschaften in mögliche Übereinkünfte einzuarbeiten und den gesamten Prozess stärker auf Konfliktsituationen auszurichten. Umgekehrt ist der Klimagipfel in Paris ein guter Anlass, uns zu erinnern, dass wir den Klimawandel nicht nur für die Erhaltung des bestehenden Ökosystems, sondern auch für die Vermeidung von Ressourcenkonflikten und damit auch für die Gewährleistung unserer eigenen physischen und wirtschaftlichen Sicherheit bekämpfen. (Michael Krull, 11.6.2015)

  • Klimapolitik muss in außenpolitische Analysen einbezogen werden, um Ressourcenkonflikte zu vermeiden.
    foto: reuters/wolfgang rattay

    Klimapolitik muss in außenpolitische Analysen einbezogen werden, um Ressourcenkonflikte zu vermeiden.

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