Schulden: Vom eigenen Chef zum AMS

9. Juni 2015, 13:53
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Knapp jeder Dritte der ehemaligen Selbständigen war vor der Unternehmensgründung arbeitslos. Darunter auffallend viele Menschen über 50

Wien – Seit 1998 ist die Zahl jener Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit heraus den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben, stark gestiegen. Ebenso der Anteil jener, die nach dem Scheitern ihrer unternehmerischen Tätigkeit wieder in die Arbeitslosigkeit zurückfielen. Mit dem zusätzlichen Problem, dass sie dann auch noch hoch verschuldet waren.

Lag der Anteil der gescheiterten Unternehmerinnen und Unternehmer, die vor der Gründung arbeitslos waren 1998 bei 25 Prozent und 2003 bei 20 Prozent, schwoll er 2013 auf 32 Prozent an, zeigt eine Untersuchung der ASB Schuldnerberatungen. Mehr als die Hälfte aller in der Studie erfassten ehemaligen Selbstständigen waren zwischen 30 und 50 Jahre alt. "Auffallend ist der Anteil der Personen über 50 Jahre mit knapp 40 Prozent", weist Geschäftsführer Hans Grohs auf eine neu zu beobachtende Entwicklung hin. In voran gegangenen Untersuchungen lag dieser Anteil zwischen 15 und 2 Prozent.

foto: standard

Einen Zusammenhang damit, dass diese Altersgruppe vom AMS verstärkt zur Selbstständigkeit "ermuntert" werde, will Grohs nicht herstellen. "Aber die Frage stellt sich, ob das AMS die richtige Stelle ist, um Selbständigkeit zu erlernen." Zumal allgemein der Spruch gelte, dass aus einer Notlage heraus schlecht gründen sei.

101.000 Euro Verschuldung im Schnitt

Drei Viertel der Unternehmer sind nach dem Scheitern hoch verschuldet. Die Durchschnittsverschuldung bei ehemaligen Selbstständigen liegt mit 101.000 Euro deutlich über der allgemeinen Durchschnittsverschuldung der Klienten der Schuldenberatung . Beinahe die Hälfte der ehemals Selbstständigen schmiss bereits binnen drei Jahren das wirtschaftliche Handtuch. Rund 70 Prozent waren maximal fünf Jahre unternehmerisch tätig, zum Großteil in den Branchen Gastronomie und Beherbergung (20 Prozent), Verkehr (15 Prozent), Handel (14 Prozent), Bau (12 Prozent) und Herstellung von Waren (11 Prozent).

Dabei könnte ein Teil der Verschuldung mit anschließendem Privatkonkurs im Vorfeld durch bessere Beratung der Unternehmer vermieden werden, ist Peter Niederreiter, Leiter der Schuldenberatung Salzburg, überzeugt. "Viele der Gescheiterten hören einfach auf, ohne Finanzamt oder Sozialversicherung davon zu informieren", berichtet er aus der Praxis. Viele Schulden fielen erst im Nachhinein an, weil Forderungen der Behörden nicht mehr nachgekommen wurde.

Abwicklungsberatung

Betroffene seien oft ahnungslos hinsichtlich eines geordneten Rückzugs, weiß Niederreiter – und bezüglich Beratung gab es in Vergangenheit auch ein Zuständigkeitsproblem. In Salzburg wird hier seit Anfang des Jahres ein neuer Weg beschritten: Wirtschaftskammer und Schuldenberatung kooperieren bei der "Abwicklungsberatung" für in Schwierigkeit geratene Selbstständige. Stimmen WK-Unternehmensberater und Unternehmer überein, dass sich ein Scheitern abzeichnet, wird der Klient an die Schuldenberatung überwiesen.

Die Möglichkeiten, Geld auszugeben, das man nicht hat, gibt es immer mehr. Die Zahl der Menschen, die in die Schuldenfalle tappen, wächst kontinuierlich. Suchten 2010 österreichweit 52.450 Personen die staatlich anerkannten Beratungen auf, waren es im Vorjahr rund 58.870. Sie waren durchschnittlich mit 67.000 Euro überschuldet. Ein Drittel von ihnen hat weniger als den Grundbetrag des Existenzminimums (857 Euro) zur Verfügung - was die Schuldenregulierung schwierig macht, wie Grohs betont. Mit 41 Prozent ist Arbeitslosigkeit/Einkommensverminderung mit Abstand der häufigste Überschuldungsgrund, gefolgt von gescheiterter Selbstständigkeit mit 19 Prozent. Das Bildungsniveau der Schuldner ist niedrig: 41 Prozent von ihnen haben nur einen Pflichtschulabschluss. Die Schuldnerberatungen pochen daher seit Jahren darauf, dass finanzielle Allgemeinbildung in der Pflichtschulzeit noch stärker verankert werden müsse, um Überschuldungskarrieren und rasches Scheitern in der Selbstständigkeit einzudämmen. (kat, 9.6.2015)

Wissen

Die ABS ist die staatlich anerkannte Schuldenberatung und wird von den Ländern und dem Arbeitsmarktservice (AMS) finanziert. Die Beratungen sind kostenlos.

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