Teppichdesigner Jan Kath: "Teppichklopfen finde ich grandios"

Interview11. Juni 2015, 16:43
12 Postings

Der Deutsche hat die Welt des Teppichdesigns entrümpelt. Seine Stücke werden von den Red Hot Chili Peppers ebenso gekauft wie von Königshäusern und Bill Clinton. Dabei sehen manche aus, als wäre ein Traktor darübergefahren

Ausgerechnet aus dem Ruhrpott kommt einer, der die Welt des Teppichs frisch und frech entstaubte und Perser und Co zurück in die Lifestylebibeln und Wohnzimmer brachte. Jan Kath heißt der Mann, dem dieses Kunststück gelang. Manche nennen ihn den Popstar der Szene, andere einen deutschen Wunderknaben.

Wie auch immer, seine Designs bringen die unterschiedlichsten Welten auf den Boden. Dazu gehört der Weltraum ebenso wie fette, russische Blumenwiesen, kalifornische Billboards oder rostfarbene Moosbeete. Wir sprachen mit dem 42-Jährigen am Morgen der Rückkehr einer seiner vielen Nepal-Reisen.

STANDARD: Sie haben die Welt des Teppichdesigns ganz schön auf den Kopf gestellt. Manche Teppiche sehen aus, als hätte man Schwefelsäure darüber geleert, andere wirken wie Blumenwiesen aus einem Fiebertraum. Wie entwerfen Sie Ihre Stücke?

Jan Kath: Ich habe ein stark visuell entwickeltes Gedächtnis und gehe mit meinen Ideen im Kopf schwanger. Wenn mich eine Idee anspricht, formuliere ich sie in Gedanken aus. Begleiten mich diese über einen gewissen Zeitraum, sagen wir zwei, drei Monate, setze ich sie um und kommuniziere sie meinem Team, das die Möglichkeit hat, meine Vorstellungen mitzuinterpretieren, was sehr spannend ist.

STANDARD: Sie sind Teppichverkäufer in dritter Generation. Zur aktiven Zeit Ihres Vaters hätte man ihn mit den meisten Ihrer Entwürfe wahrscheinlich aus den Geschäften gejagt?

Kath: Nicht nur das, wahrscheinlich hätte man ihn gesteinigt. Aber es ist auch heute nicht nur einfach. Es gibt durchaus Menschen, die mir vorwerfen, ich würde die alte Teppichkultur 'vergewaltigen'. Andererseits zeigt mir zum Beispiel auch die Einladung des Victoria & Albert Museums in London, wo ich kommenden September einen Workshop abhalte und Teil eines Symposions bin, dass wir etwas richtig machen. Ganz abgesehen von der Nachfrage.

STANDARD: Und was sagt Ihr Vater zu Ihren Entwürfen?

Kath: Ich glaube, mein Vater ist sehr stolz auf mich. Meine Eltern arbeiten beide noch im Betrieb. Ich denke, dass ich heute Dinge tun kann, die er gern gemacht hätte, aber nicht tun durfte. Dazu muss man natürlich auch sagen, dass der Teppich in den 1980er- und 1990er-Jahren in einer tiefen Krise steckte. Besonders gut ging es dem Betrieb zu dieser Zeit nicht.

foto: jan kath design gmbh
Der Blumenteppich aus der Kollektion "From Russia with love" erinnert an die Umhänge und Kopftücher, wie sie bis heute noch in ländlichen Gebieten Russlands vorkommen.

STANDARD: Sie verkaufen Ihre Teppiche auf der ganzen Welt. Warum kaufen Kunden aus dem Orient Teppiche bei einem Mann aus Bochum? Immerhin steht doch der Orient für die Welt der Teppiche?

Kath: Die Weiterentwicklung von klassischen Teppichen verlief derart langsam, dass der Orientteppich nur noch ein starrer Begriff war. Man könnte sogar von der Stagnation einer Tradition sprechen. Wir haben mit unseren Designs so radikal in die visuelle Herangehensweise eingegriffen, dass das ein kleines Erdbeben ausgelöst hat. Auf diesen Zug sind übrigens auch andere Hersteller aufgesprungen.

STANDARD: Für die schnelllebige modische Welt des Westens mag das nachvollziehbar sein, aber sogar Händler in Teheran interessieren sich für Ihre Ware.

Kath: Das stimmt, es klingt ein bisschen, wie Eulen nach Athen tragen. Aber es ist irgendwie auch witzig.

STANDARD: Teppiche galten lange als uncool, viele Menschen wollten lieber Schiffsböden oder gegossenen Beton. Wie hat es der Teppich geschafft, wieder nach oben zu kommen?

Kath: Wenn man vor 20 Jahren ein Designmagazin wie das Wallpaper durchgeblättert hat, sah man kahle Böden. Teppiche waren wirklich komplett out. Die Menschen wollten sich von den Stilwelten der Eltern und Großeltern loslösen. Dennoch habe ich gemerkt, dass in vielen Menschen eine Art Sehnsucht danach schlummert. Wenn ich Besuch im Showroom bekomme, geht es oftmals relativ schnell, dass sich gerade diese Generation wieder mit diesem Thema befassen will. Man kann durchaus von einem kulturellen Erbe und einem Wert reden. Offensichtlich musste sich die Herangehensweise ändern. Über diese Entwicklung freut sich die gesamte Branche nach einer doch eher langen Durststrecke.

STANDARD: Teppichdesign geschah über all die Jahrhunderte eher im Anonymen, es gab keinen Philippe Starck des Teppichdesigns. Sie haben einen ordentlich Teil dazu beigetragen, das zu ändern ...

Kath: Wenn ich noch mal zurückkönnte, würde ich die Marke vielleicht nicht nach meinem eigenen Namen benennen, auch wenn das Marketingkonzept offensichtlich ganz gut funktioniert.

STANDARD: Eben, warum also diese Überlegung?

Kath: Es ist einfach wahnsinnig anstrengend, denn ich muss permanent persönlich den Vortänzer rund um die ganze Welt geben. Im Jahr 2014 war ich mehr als acht Monate auf Reisen.

STANDARD: Hätte es ohne diesen Vortänzer denn auch so gut funktioniert?

Kath: Keine Ahnung. So klappte es jedenfalls. Wir sind die erste Firma aus dieser Branche, die es geschafft hat, in die Köpfe der Konsumenten zu dringen, und das nicht nur in der Fachwelt.

STANDARD: Ihre Kundenliste ist sehr prominent besetzt. Auf ihr stehen das Fürstenhaus von Monaco, Bill Clinton oder Anthony Kiedis, der Sänger der Red Hot Chili Peppers.

Kath: Ja, Letzterer hat bei mir angerufen, und ich hatte keine Ahnung, wer er war. Das hat mir erst seine Assistentin erklärt, mit der ich nach dem Gespräch die technischen Details abklärte. Ich denke, die Chili Peppers machen nicht ganz die Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Kiedis rief an, weil er meine Teppiche in Australien sah, sie aber damals in L.A. noch nicht gefunden hat. Etwas Ähnliches ist mir übrigens letzte Woche passiert, als der DJ Sven Väth anrief ...

STANDARD: Was bringt eine prominente Kundenliste dem Geschäft?

Kath: Sagen wir es so, ich persönlich würde Frau Maier und Herrn Müller genauso gut bedienen wie Herrn Kiedis oder Bill Clinton. Allein schon deshalb, weil Erstere wahrscheinlich um einiges härter für ihr Geld gearbeitet haben als die anderen beiden Herrschaften. Fürs Marketing sind solche Namen natürlich schon interessant. Für manche Kunden scheint das wirklich wichtig zu sein.

foto: jan kath design gmbh
Hier abgebildet ist der Teppich "Angles 6", der in monatelanger Knüpfarbeit entsteht. Verwendet werden Materialien wie von Hand gekämmte tibetische Hochlandwolle, chinesische Seide und die Faser der Himalaja-Brennessel.

STANDARD: Wie sieht es denn bei Ihnen zu Hause mit Teppichen aus? Ist da noch ein Fleckerl frei?

Kath: Ich hab keinen einzigen von meinen eigenen Teppichen bei mir zu Hause. Ich lebe recht einfach und brauche nicht viel. Es gibt nur zwei Teppiche, einen traditionellen Orientteppich und ein modernes Stück einer befreundeten Designerin aus Kanada.

STANDARD: Wirklich kein Kath?

Kath: Ich brauche ein bisschen Abstand. Meine Wohnung befindet sich über meinem Atelier, und von dort kann ich durch eine Art Luke ins Atelier schauen. Also wenn es mich juckt, habe ich jederzeit Blickkontakt zu meinen Teppichen.

STANDARD: Wann haben Sie zum letzten Mal staubgesaugt?

Kath: Erst vor kurzem, letzte Woche. Ich mach so etwas gerne. Ich staple auch gern Teppiche.

STANDARD: Und wie sieht's bei Ihnen zu Hause mit Hausschuhen aus?

Kath: Bei mir muss man seine Schuhe nicht ausziehen. Außerdem muss ein guter Teppich viel aushalten können.

STANDARD: Wie würden Sie den Gegenstand Teppich charakterisieren? Ist er Accessoire, Einrichtungsgegenstand, Fußwärmer oder Dekorationsstück?

Kath: Ein bisschen etwas von allem. Ein Teppich ist heute nicht mehr so sehr ein Prestigestück wie früher, als man einen Orientteppich im Wohnzimmer und einen Mercedes in der Garage haben musste, um "dazuzugehören". Der moderne Teppich ist zu einem geschätzten und auf die Umgebung abgestimmten Einrichtungsgegenstand geworden. Gleichzeitig erfüllt er auch viele praktische Bedürfnisse. Er wird zu einer Insel des Lebens, wenn er richtig eingesetzt wird.

STANDARD: Wie kann man einen Teppich falsch einsetzen?

Kath: Früher durfte man einen teuren Orientteppich allenfalls barfuß betreten, und danach wurden seine Fransen gekämmt. Heute soll auf ihm das Leben stattfinden, mit Hund, Katz und Maus.

STANDARD: Und doch bezeichnen manche Ihre Teppiche als Kunstwerke.

Kath: Stimmt, es gibt den einen oder anderen, der sie in diese Richtung einordnet. Mir selbst steht das nicht zu, auch wenn es mich natürlich freut. Die Grenzen verschwimmen heute, auch andere Einrichtungsobjekte funktionieren für manche als Möbel und als Statement. Ich sehe mich jedoch als Designer, der Dinge für den täglichen Gebrauch gestaltet und verkauft. Im besten Falle produzieren wir heute die Antiquitäten von morgen. Ob das funktioniert, wird allerdings erst die Zukunft zeigen.

STANDARD: Sie haben ähnlich wie Modehäuser Geschäfte auf der ganzen Welt. Inwieweit sind Teppiche Moden unterworfen?

Kath: Wenn man unsere Kollektionen betrachtet, sieht man, dass wir sehr verschiedene Stilrichtungen und Herangehensweisen parallel auf den Markt bringen. Eigentlich geht heute alles, man muss sich nur als Kunde für etwas entscheiden. Wir möchten nicht auf eine Handschrift festgenagelt werden. In der Modewelt existieren heutzutage auch mehrere Stilrichtungen gleichzeitig. Das wäre vor 40 Jahren in der Form nicht denkbar gewesen.

STANDARD: Ähnlich wie bei einer Modemarke.

Kath: Genau. Es gibt eine Untersuchung, nach der unser Unternehmen auf Platz 13 der 100 besten deutschen Luxusmarken landete. Da sind immerhin Firmen wie Mercedes und Porsche dabei. Es macht Spaß zu sehen, dass sich eine Branche so verändern kann (Studie von Ernst & Young, der Munich Business School und dem Institut für Luxus, Inlux, Anm.).

STANDARD: Dabei wollten Sie gar nicht in der Teppichbranche landen.

Kath: Stimmt! Überhaupt nicht! Ich kam wie die Jungfrau zum Kind, wollte eigentlich etwas ganz anderes machen. Nach meinem Zivildienst war ich zwei Jahre in Indien unterwegs, mit ganz wenig Geld in der Tasche. Als mir das ausging, bin ich in Kathmandu gestrandet und in einen Deutschen reingelaufen, der Lieferant meiner Eltern und Großeltern war. Für den habe ich dann in Kathmandu in der Qualitätskontrolle gearbeitet. Als der dann in die Pension ging, habe ich, naiv, wie ich war, seine Produktion übernommen. Und so hat sich der Kreis geschlossen.

STANDARD: Also war Ihr Lieblingsmärchen auch nicht "Der fliegende Teppich".

Kath: Nein. Wobei wir an diesem Thema gerade arbeiten. Wir haben eine Art Skateboard entwickelt, das sich über ein kabelloses Remote-Control steuern lässt. Darauf wird eine Plattform samt Teppich befestigt. Diese Spielerei wollen wir für Ausstellungseröffnungen verwenden - samt Profiskateboardern.

STANDARD: Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie zum ersten Mal einen Teppich bewusst wahrgenommen haben?

Kath: Das ist schwer zu sagen, denn ich bin ja gewissermaßen auf einem Teppichstapel groß geworden. Ganz bewusst geschah dies wohl in dem Moment, als mir mein Vater einen traditionellen Orientteppich geschenkt hat, weil er merkte, dass ich eine Affinität zum Thema habe. Da war ich ungefähr 16 Jahre alt. Bald darauf war ich mit ihm im Iran unterwegs. Daran kann ich mich sehr gut erinnern.

STANDARD: Sie haben zwei Söhne. Werden die auch in Teppichen machen?

Kath: Ich würde mich sehr freuen. Mein Älterer, er ist 21, wurde soeben an der Design-Hochschule in Kassel angenommen. Mal sehen.

STANDARD: Ihre Teppiche werden von Hand geknüpft, sie wachsen eher, als dass sie produziert werden. Haben Sie selbst schon einmal einen Teppich geknüpft?

Kath: Ja, das habe ich. Ich weiß, wie die Techniken funktionieren, kriege das Knüpfen selbst aber nur in Zeitlupe hin. Nehmen wir einen Teppich aus unserer "Spacecrafted"-Kollektion. Vier Profiknüpfer brauchen für ein Standardmaß, sagen wir zweieinhalb mal drei Meter, vier bis fünf Monate. Vier Jan Kaths würden Jahre daran sitzen. Ein Quadratmeter Teppich besteht aus bis zu 300.000 Knoten.

foto: jan kath design gmbh
Auf diesem Bild ist der Teppich "Spacecrafted 12" zu sehen, der mit mehr als 60 Farben den Nachthimmel abbilden soll.

STANDARD: Hört man Teppichindustrie, kommt die Rede schnell auf Produktionsbedingungen und Umweltschutz. Für Sie arbeiten weltweit Knüpfer. Wie geht es denen?

Kath: Das Thema ist extrem wichtig, wir arbeiten diesbezüglich sehr eng mit dem "Label Step", einer Organisation, die sich für strenge soziale und ökologische Standards einsetzt, zusammen. Aber abgesehen von ethischen und moralischen Grundsätzen muss man auch daran denken, dass die Zeit in Siebenmeilenstiefeln voranschreitet. Heute existieren für die Knüpferinnen und Knüpfer auch andere Möglichkeiten, Arbeit zu finden. Denken Sie an die Bau- oder Elektronikbranche.

In einigen Regionen in Nepal ist das Smartphone-Zeitalter angebrochen. Dort gab es vor noch gar nicht allzu langer Zeit überhaupt keine Telefone. Wir waren in Europa 50 Jahre verkabelt, und dort werden ganze Zeitalter ausgelassen, Gesellschaften werden durch Atmosphären katapultiert. Wenn wir nicht dafür sorgen, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen mehr als nur akzeptabel sind, dann werden wir auch keine Menschen mehr haben, die für uns arbeiten wollen. Es geht darum, sehr behutsam zu sein.

STANDARD: Welcher war der größte Teppich, den Sie je produziert haben?

Kath: Ich denke, das war der Rathausteppich in Bremen, mit mehr als 100 Quadratmetern. Wir brauchten mehrere Ruder-Olympiateams, um das Ding in den Sitzungssaal zu hieven. Wir haben übrigens auch große Teile des Goldenen Quartiers in Wien ausgestattet, wobei wir dort als Marke nicht aufscheinen. Wir entwickeln für viele Modefirmen Teppichkonzepte.

STANDARD: Was halten Sie eigentlich vom Teppichklopfen?

Kath: Teppichklopfen find ich grandios. Schade ist nur, dass man es kaum noch sieht, geschweige denn tut. Dabei würde es dem Teppich guttun. (Michael Hausenblas, Rondo, 11.6.2015)

>> Zum Thema: Teppiche - Schätze des Bodens

foto: jan kath design gmbh
Jan Kath wurde 1972 in Bochum geboren. Schon sein Großvater und sein Vater waren in der Teppichbranche. 2001 gründete er die Jan Kath Design GmbH mit Sitz in Bochum, wo er als Designer und Produzent tätig ist. Die Firma unterhält Showrooms auf der ganzen Welt. Kath ist Autodidakt, sein Wissen bezog er von seinen Vorfahren und zahlreichen Reisen nach Nepal, in den Iran und viele andere Länder. Kath ist geschieden und Vater zweier Söhne (22 und 15 Jahre alt).
  • Der deutsche Teppichdesigner Jan Kath auf einem seiner Teppiche aus der Kollektion "Erased Heritage".
    foto: rolf vennenbernd / dpa / picturedesk.com

    Der deutsche Teppichdesigner Jan Kath auf einem seiner Teppiche aus der Kollektion "Erased Heritage".

  • Im Schnitt legt man für einen Quadratmeter eines Kath-Teppichs 1400 Euro hin. Jan Kath auf seinem Teppich "Queensbury sky" aus der Kollektion "Erased Heritage", die der Designer als Hommage an den klassischen Orientteppich versteht.
    foto: rolf vennenbernd / dpa / picturedesk.com

    Im Schnitt legt man für einen Quadratmeter eines Kath-Teppichs 1400 Euro hin. Jan Kath auf seinem Teppich "Queensbury sky" aus der Kollektion "Erased Heritage", die der Designer als Hommage an den klassischen Orientteppich versteht.

Share if you care.