Kunsttheoretiker Maset: "Wir haben eine Ästhetisierung von Politik"

Interview10. Juni 2015, 05:44
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Künstler und Kunsttheoretiker Pierangelo Maset über die Ästhetik von Smartphones und Pizzaservices, die Rhetorik des Visuellen, die Botschaft von krawattenlosen und kettenrauchenden Politikern – aber nicht über das Schöne

STANDARD: Sie werden am Mittwoch im Rahmen der Vortragsreihe "Didaktik der Differenz – Über den Umgang mit Unterschieden", organisiert vom Arbeitsbereich Fachdidaktik Psychologie – Philosophie der Uni Wien von Konrad Paul Liessmann, Katharina Lacina und Bernhard Hemetsberger in Kooperation mit dem STANDARD, über die "Aktualität der Ästhetischen Bildung der Differenz" referieren (17 Uhr, NIG, Hörsaal 3D). Der Titel deutet einen prekären Status der ästhetischen Bildung an.

Maset: Ja, denn wir haben in der europäischen Bildungslandschaft eine Tendenz, die sehr von Standardisierung geprägt ist. Stichworte Bologna-Prozess oder Pisa-Studie. Es gibt insgesamt eine heftige Bürokratisierung des Bildungsbereichs, der mit der Kompetenzorientierung auch einseitig am Output orientiert ist. Das ist für ein Fach wie Kunst fatal, weil es da um viele Prozesse und Erfahrungen geht, die gar nicht messbar sind. Für Pisa war Kunst bisher nicht interessant, was auch zur Folge hatte, dass das Fach an den Schulen an Legitimität klar eingebüßt hat. In Deutschland haben wir schwerwiegende Kürzungen in den ästhetischen Fächern erlitten.

STANDARD: Wenn Sie jemand fragen würde, warum wir ästhetische Bildung brauchen, was antworten Sie?

Maset: Ästhetische Bildung ist ein unverzichtbarer Bestandteil von Bildung, und Ästhetik ist allgemein für die Orientierung in der heutigen Welt absolut notwendig. Wir können ja kein Smartphone mehr bedienen, ohne dass wir ein ästhetisches Grundverständnis haben und Zeichen identifizieren und unterscheiden können. Auch die sozialen Netzwerke sind sehr stark unter ästhetischen Gesichtspunkten zu betrachten. Welches Foto stelle ich ins Netz, um welche Inhalte zu transportieren? Der Eurovision Song Contest ist ein aktuelles Beispiel für Ästhetisierung, die österreichische Version hat gerade eine Spitze der Entwicklung in dieser Hinsicht präsentiert. Für all diese Dinge brauchen wir ästhetisches Urteilsvermögen.

STANDARD: Was ist zum Verhältnis von Ästhetik und Politik zu sagen?

Maset: Dass die Einschätzung Walter Benjamins, der dem Faschismus die Ästhetisierung der Politik zuschrieb, wohingegen die sozialistischen Kräfte mit der Politisierung der Ästhetik zu tun haben sollten, in der heutigen Mediengesellschaft keinesfalls überholt ist. Wir haben eine durchgehende Ästhetisierung von Politik. Denken wir an das Erscheinungsbild der SPD, die sich nun mit Purpur inszeniert, oder der FDP, die das alte blau-gelbe Logo um Magenta erweiterte. Wahrscheinlich ist das auch das einzige Merkmal, an dem Politik noch unterscheidbar ist, denn inhaltlich gibt es ja kaum noch Unterschiede. Das ist eine höchst problematische Entwicklung. Aber es ist wichtig, das zu erkennen, um zu verstehen, wie Politik funktioniert.

STANDARD: Wie politisch ist denn das Ästhetische? Müssen sich Politiker und Politikerinnen ästhetisieren wie etwa der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis, der sich im T-Shirt vorm Klavier daheim inszenierte?

Maset: Das ist ein solches Beispiel. Finanzminister Varoufakis und Premier Alexis Tsipras haben ja schon dadurch irritiert, dass sie nicht mehr mit Schlips aufgetreten sind. Dass das so eine enorme Bedeutung hat, zeigt, wie sehr das Auftreten oder der Habitus der Politiker an bestimmten ästhetischen Zeichen hängt.

STANDARD: Welche ästhetischen Kriterien legen Sie an Politiker an?

Maset: (lacht) Das übersteigt mein Aufgabenfeld, da Politikberatung nie ein von mir erstrebtes Arbeitsfeld war. Aber sicherlich gibt es da bestimmte Aspekte, die von der Rhetorik des Visuellen her auch bei mir wirken. Nehmen Sie Helmut Schmidt, den ehemaligen deutschen Bundeskanzler. Bei ihm ist dieses Hanseatische, etwas Spröde, aber stets Akkurate so stark ausgeprägt, dass er bis heute als der vertrauenswürdigste deutsche Politiker gilt und man ihm vieles durchgehen lässt, und so gehört auch sein Kettenrauchen zum "Style".

STANDARD: Wie kann man "ästhetisch" definieren, damit man dasselbe meint? Ist etwas Ästhetisches auch schön, oder geht es eher um den Willen zur Stilisierung?

Maset: Ich würde den Begriff des Schönen, weil man damit auch immer das Geschmacksurteil berührt, zurückstellen und den Willen zur Stilisierung und zur Entwicklung visueller Repräsentation betrachten. Heute hat ja jeder Pizzaservice eine irgendwie gestaltete Internetseite, und die Art und Weise, wie diese Seiten gestaltet sind, haben eine Auswirkung darauf, wie die Dienstleistung wahrgenommen wird. Umgekehrt: Wenn ich meine Internetseite ins Netz stellen würde, wäre es für jemanden, der im Kunstbereich tätig ist, peinlich, wenn die Seite mit 24 Schriften gestaltet und total bunt wäre.

STANDARD: Der Soziologe Gerhard Schulze hat 1992 im Buch "Die Erlebnisgesellschaft" die "Ästhetisierung des Alltagslebens" konstatiert. Wie lautet die Diagnose heute?

Maset: Insgesamt wurde Schulzes Diagnose sogar deutlich übertroffen, weil Computer, Smartphones und Tablets den User heute viel stärker persönlich vereinnahmen und steuern. Junge Leute, die damit sozialisiert werden, haben eine Weltwahrnehmung, die von Betriebssystemen geprägt ist. Gleichzeitig gibt es Entschleunigungen, manche Dinge erleben eine Wiedergeburt, etwa die Vinylplatte. Ich denke, wir müssen eher die Möglichkeiten der neuen Technologien verwenden, um das, was für ästhetische Bildung und die Autonomie von Subjekten notwendig ist, zu realisieren, als eine Retrobewegung der Entschleunigung zu starten. Beschleunigung ist unerlässlich, weil es schließlich auch um andere, autonomere Formen des Digitalen geht.

STANDARD: Welche ästhetischen "Kompetenzen" brauchen junge Menschen denn heute?

Maset: Es gibt gewisse Kompetenzen, die man vermitteln kann, von der Bedienung eines Grafikprogramms bis zu Verfahren der Farbmischung. Aber darüber hinausgehend wäre, um dem Begriff der ästhetischen Bildung gerecht zu werden, auf jeden Fall die Entwicklung einer ästhetischen Mentalität erforderlich, die die Dinge nicht nur so hinnimmt, wie sie sind, sondern kritisch befragt und das mögliche Andere denkt bzw. durch ästhetische Gestaltung erprobt, wodurch Freiheitsgrade entstehen. Genau daran aber mangelt es insgesamt sehr in den Schulen, aber auch an den Hochschulen, die der Übernahme durch den Neoliberalismus kaum etwas entgegengestellt haben. Das ist fatal. Die Bildungspolitik ist europaweit auf Best-Practice-Anwendungen fixiert, und ästhetische Bildung als zentrale Dimension der Entwicklung von Menschen wird als überflüssig empfunden und durch mickrige Inhalte in Powerpoint-Präsentationen verdrängt. Zum Glück lassen sich differente Vorstellungen und Praxen auch dadurch nicht zum Verschwinden bringen. (Lisa Nimmervoll, 9.6.2015)

Pierangelo Maset (60) studierte Kunst / Visuelle Kommunikation, Philosophie, Anglistik und Soziologie in Kassel, Göttingen, Berlin und Hamburg, seit Ende der 70er-Jahre Ausstellungen, Lesungen und Performances, in den 80ern Schallplattenveröffentlichungen, neben wissenschaftlichen auch literarische Publikationen, seit 2001 Professor für Kunst und Didaktik an der Uni Lüneburg.


Links zu den zwei anderen Interviews aus der Vortragsreihe "Didaktik der Differenz":

Erziehungswissenschafter Bernd Ahrbeck (Humboldt-Uni zu Berlin): "Ziele von Inklusion in vielen Fällen realitätsfern"

Althistoriker Egon Flaig (Uni Rostock): "Wir sind mehr der Antike verpflichtet als dem Christentum"

  • Ästhetische Bildung sei eine zentrale Dimension der Entwicklung von Menschen, sagt Pierangelo Maset. Es gehe um kritisches Denken – vielleicht hat sie es deswegen so schwer.

    Ästhetische Bildung sei eine zentrale Dimension der Entwicklung von Menschen, sagt Pierangelo Maset. Es gehe um kritisches Denken – vielleicht hat sie es deswegen so schwer.

  • Ästhetische Codes überall, die decodiert werden wollen: das Purpur einer ehemals roten Partei ...
    foto: epa/kumm

    Ästhetische Codes überall, die decodiert werden wollen: das Purpur einer ehemals roten Partei ...

  • ... der Habitus von Yanis Varoufakis (li.) und Alexis Tsipras ...
    foto: epa/saitas

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  • ... und der Eurovision Song Contest.
    apa / hochmuth

    ... und der Eurovision Song Contest.

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