Gute Blaue, schlechte Rote, braune Strohmanderln

Kommentar der anderen8. Juni 2015, 17:10
48 Postings

Die Sozialdemokratie hat im Burgenland lange einen rechten Gottseibeiuns gebraucht, um von der eigenen braunen Tradition abzulenken. Von der Geschichte und dem Ende einer Ent-Täuschung

Neuerdings in Pannonien reden schlechte Rote in großer Bedrängnis von guten Blauen. Ob diese der ungewöhnlichen Zuschreibung gerecht werden können, wird sich zeigen, aber eines kann die nunmehr als gut bezeichnete FPÖ wohl nicht mehr sein: das böse Gegenüber, das faschistoide Lager.

Lange hat die SPÖ Burgenland die braune Dimension der eigenen Geschichte dorthin ausgelagert. Diese Täuschung ist nun nicht mehr haltbar, Enttäuschte wollen das Ende ihrer Täuschung aber nicht wahrhaben, und sie verlangen ihr Weltbild vehement zurück. Sie brauchen die aufrechte Täuschung, um ihre Pose beibehalten zu können. Mit der nunmehrigen Eingemeindung der FPÖ in ein gemeinsames Regime wird für viele Rote die Befindlichkeit im Braunen peinlich, weil sichtbar.

Real ändert sich nichts, was aber optisch getrennt gewesen ist, wird nun wieder vereint. Eine Selbst-Täuschung wird zur Ent-Täuschung. Nicht die Beteiligung der Blauen an der Regierungsmacht, wie gut oder schlecht auch immer, wird ein Skandal, sondern die Führung der SPÖ Burgen- land ist ein Skandal, und der hat Geschichte.

Die Wende von einem muffigen, katholischen, ÖVP-dominierten Land hin zu einer autoritär geprägten Modernisierung wurde in den 1960er-Jahren durch eine SPÖ-FPÖ-Koalition, angeführt durch eine ehemalige NSDAP-Seilschaft, durchgezogen und mündete in die 22-jährige Regentschaft des Theodor Kery, der eigentlich offen faschistoid herrschen konnte, ohne je FPÖler, vielmehr immer SPÖler gewesen zu sein.

Brutale Methoden

Zu seinen brutalen Methoden gegenüber politischen Widersachern und Verdächtigen in den eigenen Reihen gehörte - um ein aktuelles Thema in der Wirklichkeit zu verorten - auch das Öffnen von Konten und das finanzielle Drangsalieren durch die Banken, was diese auf seine Anordnung hin willfährig ausführten. Ein Anruf aus seinem Büro genügte. Eine ganze Generation ist unter diesem Regime groß geworden, scheinbar ohne damit Probleme gehabt zu haben.

Wenn je Kritik an dieser Zentralfigur der burgenländischen Nachkriegsgeschichte aufkam, dann war es eine Kritik an faschistoiden Praktiken, und sie kam von außerhalb des Landes. Für eine antifaschistische Positionierung der Linken im Land brauchte es daher dringend etwas Rechtes, das aber rechts von der eigenen Befindlichkeit nur fingiert werden konnte. Mit Jörg Haiders FPÖ hat sich freilich eine billige Kulisse angeboten.

Im Unterschied zu Kery ist seinem Epigonen, dem Seewinkel-Napoleon Hans Niessl, das Burgenland nicht groß genug. Er rüstet sich für den Ritt nach Wien, für die Hofburg. Johann Tschürtz hält ihm den Steigbügel und überstellt ihn an Strache. Er hätte es in der Hand gehabt, leider nicht im Kopf, die SPÖ Burgenland rechts liegen zu lassen. Die Grünen hätten sich zuverlässig um die zartrosa bis türkise Übermalung aller braunen Zonen für eine künftige Hochzeit gekümmert. Zumindest das bleibt uns fürs Erste erspart.

Mit Präambel?

Von der SPÖ Burgenland ein antifaschistisches Bekenntnis als Voraussetzung für die Unterstützung durch die FPÖ zu verlangen, hat Johann Tschürtz auch versäumt. Wie schade um diese Gelegenheit. Und so werden die angebräunten Strohmanderln in den nächsten Tagen vor dem Bundespräsidenten in Wien erscheinen. Gut, dass Hans Niessl nicht alleine kommen kann. Mit Johann Tschürtz an seiner Seite könnte es nämlich sein - eine winzige Hoffnung -, dass er vom Bundespräsidenten als einer erkannt wird, den man nicht angeloben sollte, zumindest nicht ohne eine Präambel.

"Nur ka Büchl, die Polizei genügt", soll Kaiser Franz Joseph einmal gesagt haben. Mit dem Seewinkel-Napoleon nähert sich dieser Geist wieder der Hofburg.

In der strohreichen Politiklandschaft des Burgenlands ist Johann Tschürtz der letzte Strohhalm. (Hans Göttel, 8.6.2015)

Hans Göttel ist Studienleiter des Europahauses Burgenland.

Share if you care.