Die neue Krise der europäischen Ordnung

8. Juni 2015, 16:54
12 Postings

Experten debattierten in Wien über das diplomatische Erbe des Wiener Kongresses

Wien - 200 Jahre nach dem Ende des Wiener Kongresses am 9. Juni 1815 haben Diplomaten und Wissenschafter gestern, Montag, im Wiener Gartenpalais Liechtenstein vergangene und gegenwärtige Formen der Krisenbewältigung analysiert. Hauptredner bei der Veranstaltung war der frühere EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso.

Oberstes Ziel des Wiener Kongresses nach der Niederlage Napoleon Bonapartes in den seit 1792 geführten Koalitionskriegen war für Barroso die Schaffung einer neuen Ordnung für Europa. Derzeit sei das Prinzip eines funktionierenden Rahmens für internationales politisches Handeln einmal mehr in Gefahr: "Die europäische Ordnung befindet sich in einer Krise", so Barroso in Anspielung auf die Politik Moskaus bei der Annexion der Krim und im Konflikt in der Ostukraine. Die Frage sei, wie man Russland als Partner in die Diskussion einbinden könnte, ohne damit indirekt die Verletzung der territorialen Integrität der Ukraine zu tolerieren, meinte Barroso und unterstützte die Sanktionen des Westens gegen Moskau. Realismus sei zwar ein wichtiges Prinzip der Diplomatie, jedoch nur bei gleichzeitiger Rücksicht auf die Verteidigung gemeinsamer Werte.

Einen anderen Akzent setzte Ferdinand Trauttmansdorff, ehemaliger Leiter des Völkerrechtsbüros im Wiener Außenministerium und derzeit österreichischer Botschafter in Prag. Friede und Stabilität seien bereits Werte an sich, so Trauttmansdorff, der sich für einen intensiven Dialog mit Russland ausspricht. "Sollen wir an der Schaffung von Illusionen arbeiten oder an echten Lösungen für die Sicherheit der Menschen?" lautete seine rhetorische Frage. Die Diplomatie der Gegenwart kritisierte Trauttmansdorff als zu "textorientiert": Konkrete außenpolitische Strategien stünden häufig im Schatten gemeinsamer Erklärungen, für die sich einzelne Akteure oft nicht mehr verantwortlich fühlen würden.

Historisches Vermächtnis

Der rote Faden, der sich durch die Debatte zog, war die Bedeutung des Wiener Kongresses für das Europa des Jahres 1815 - und für jenes von heute. Dass das besiegte Frankreich vor 200 Jahren international nicht marginalisiert wurde, sondern als Partner mit am Tisch saß, gilt manchen noch heute als frühes Meisterstück der Diplomatie - Vorbildfunktion für die Gegenwart inklusive. Andere betonen lieber die Unterschiede: Europäische Probleme seien in der global vernetzten Welt eben nicht mehr europäisch; eine völlig veränderte Welt erfordere völlig veränderte Handlungsstrategien.

Geheimdiplomatie wie zur Zeit des Wiener Kongresses verbiete sich mittlerweile übrigens von selbst, meinen die Experten. Immerhin würden heute sogar schon Minister twittern. (Gerald Schubert, 8.6.2015)

  • Ex-Kommissionspräsident Barroso ist immer noch ein gefragter Redner. In Wien verteidigte er die Sanktionen gegenüber Russland.
    foto: cremer/standard

    Ex-Kommissionspräsident Barroso ist immer noch ein gefragter Redner. In Wien verteidigte er die Sanktionen gegenüber Russland.

Share if you care.