Der sterbende Löwe anstelle von Europas Stier

8. Juni 2015, 16:31
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Mit begehbaren Stationen im Bundeskanzleramt, in der Amalienburg, im Inneren Burghof sowie in der Hofburgkapelle gedenkt die Republik nun auch offiziell der "Idee Europa - 200 Jahre Wiener Kongress". Herausgekommen ist ein animierender Denk-Parcours

Wien - Eine Konferenz wie der Wiener Kongress lässt sich auch metaphorisch verstehen. Die Feststiege des Bundeskanzleramtes führt mitten hinein ins Herz der Macht. Man schreibt gefühlt das Jahr 1815. Den "Congress Carpet" zieren die Signaturen der wichtigsten Kongressteilnehmer. Im Steinsaal des Palais am Ballhausplatz steht ein in Gold erstarrter Tisch. An einer solchen Tafel dürften die vorbereitenden Sitzungen für das wichtigste Vertragswerk nicht nur des 19. Jahrhunderts stattgefunden haben.

Idee Europa - 200 Jahre Wiener Kongress nennt sich die Schau des Wiener Bundeskanzleramtes. Der Bühnenbildner Hans Hoffer zeichnet als Gestalter. Das Österreichische Staatsarchiv hat mit zahlreichen Leihgaben mustergültig zugearbeitet. Dort, wo die heutigen Regierungsvertreter den Journalisten Rede und Antwort stehen, wurde die Zukunft des Kontinents verbindlich festgeschrieben, im später so bezeichneten "jus publicum europaeum".

In den angeblich so tanzwütigen Tagen des Kongresses nannte man das BKA noch die "Geheime Hof- und Staatskanzlei". Fürst Metternich gab 1814/15 den machtbewussten Gastgeber. Die Verhandlungen ließ der Architekt der europäischen Reaktion übrigens geheim protokollieren. Hoch über dem Kongresssaal saß eine Abordnung Schreiber und gebrauchte Tinte und Feder. Der Aufwand war beträchtlich, denn die Kurzschrift war noch nicht erfunden. Das Gros der Mitschriften wurde beim Justizpalastbrand 1927 ein Raub der Flammen. Eine Vitrine zeigt unter anderem heutige Überreste: gelbe Blätter mit dickrandigen Schmauchspuren.

Es ist somit kein Wunder, wenn man bereits beim Betreten der Feststiege ungläubig die Ohren spitzt. Man hört tatsächlich das weiche, ungemein modulationsfähige Organ Elias Canettis. Der spätere Literaturnobelpreisträger war einer der folgenreichsten Ohrenzeugen der republikanischen Krise. Die bürgerkriegsähnlichen Wirren machten unauslöschlichen Eindruck auf ihn. Sie veranlassten ihn zur Begründung einer ganzen Anthropologie, niedergelegt in Masse und Macht.

Österreichs Widersprüche

Zum außerordentlichen Gelingen der Schau trägt ihre Sparsamkeit bei. Hoffer beschränkt sich auf kleine, sinnreiche Interventionen, die Aura der Hofburg tut ein Übriges.

Hat man die Galerie der großen Staatsverträge gebührend bewundert, empfiehlt sich die Betretung der Amalienburg. Dort, im Hof, wurde ein ganzer Parcours aus Grenzbalken errichtet. Hinter diesem Symbol europäischer Kleinstaaterei steht eine Holzschachtel. In dieser Einhausung pflegt der "Löwe von Aspern" zu überwintern. Die Sandsteinskulptur von Anton Dominik Fernkorn ist der sinnfällige Ausdruck des österreichischen Grundwiderspruchs.

Einerseits bildet das edle Tier den Heldenmut der Sieger von Aspern ab: Erzherzog Karl schlug den damals noch für unbesiegbar geltenden Napoleon 1809 empfindlich aufs Haupt. Letztlich aber war dieser Sieg auch zu nichts nütze. Die anschließende Entscheidungsschlacht von Wagram ging katastrophal verloren, der österreichische Kaiser musste den demütigenden Frieden von Schönbrunn schließen.

Napoleon wurde indes in mehreren Anläufen niedergerungen. Die Vertreter der Heiligen Allianz installierten ein diplomatisches Frühwarnsystem, das in seinen Grundzügen auch für die heutige EU Pate gestanden haben mag. Es sind die kleinen Seitenverweise, die Idee Europa auszeichnen. Hoffer schlägt den Bogen hinüber in das Jahr 1848. Metternichs letzte Posttasche ist hinter Glas zu bewundern, ihre Schließe ist aufgebrochen. Eine zeitgenössische Karikatur zeigt Europas geistvollen Oberzensor in der Rolle des schmählichen Flüchtlings: In einen Teppich gewickelt soll er nach London geflüchtet sein.

In der Hofburgkapelle kann man sich schließlich davon überzeugen, dass der Wiener Kongress wahre Klanglawinen auslöste: Beethoven und Kollegen sei Dank. (Ronald Pohl, 8.6.2015)

"Idee Europa - 200 Jahre Wiener Kongress", bis 31. 10., Mo bis Sa 10.00-17.00

  • Im Herzen der Republik besinnt man sich auf die Kernbotschaften der Wiener-Kongress-Zeit: Die Feststiege des Bundeskanzleramts führt an verschmauchten Kongress-Protokollen vorüber.
    foto: regina aigner

    Im Herzen der Republik besinnt man sich auf die Kernbotschaften der Wiener-Kongress-Zeit: Die Feststiege des Bundeskanzleramts führt an verschmauchten Kongress-Protokollen vorüber.

  • In der benachbarten Hofburg wird mit Kanonenrohren auf die schier endlosen Napoleonischen Kriege verwiesen.
    foto: regina aigner

    In der benachbarten Hofburg wird mit Kanonenrohren auf die schier endlosen Napoleonischen Kriege verwiesen.

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