Chronisch krank: "Oft gefährden Lehrer die Kinder"

Interview10. Juni 2015, 07:00
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Wenn Kinder mit chronischen Krankheiten die Schule besuchen, sollten Betreuungspersonen informiert sein, sagt Lilly Damm

STANDARD: Sie haben im Rahmen des Zentrums für Public Health der Med-Uni Wien untersucht, wie es chronisch kranken Kindern im Schulalltag geht. Warum?

Damm: Weil die Zahl der chronisch kranken Kinder in Österreich steigt. Der HBSC-Studie zufolge haben 16,8 Prozent aller Schulkinder, also ungefähr 190.000, eine zwar behandelbare aber in dem Sinn nicht heilbare Erkrankung. Aus demografischer Sicht ist es wichtig, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen, denn die Zahlen chronisch kranker Kinder steigen seit Jahren kontinuierlich. Mit der Zunahme der ganztägigen Schulformen müssen wir uns mit solchen Fragen auseinandersetzen.

STANDARD: Was haben Sie in der Studie herausgefunden?

Damm: Ehrlich gesagt: Die Interviews mit den Eltern von betroffenen Kindern waren alarmierend. Denn oft ist es wirklich so, dass die Lehrer die Kinder gefährden, und zwar durch ihr Nichtwissen und ihre Ahnungslosigkeit. Diese Ignoranz, die durchaus nicht aus bösem Willen besteht, kann lebensgefährlich sein.

STANDARD: Jetzt könnte man einwenden, dass das nicht auch noch die Aufgabe von Lehrern sein kann, sich mit den möglichen Problemen von chronisch kranken Schülern auseinanderzusetzen...

Damm: Um das geht es primär auch nicht. Denn um eines vorwegzunehmen. In fast jeder Klasse Österreichs sitzt ein Kind mit einer chronischen Erkrankung, viele von ihnen brauchen in dem Sinn auch keine Spezialbetreuung, sie kommen im Alltag gut zurecht. Ein Problem ist beispielsweise, wenn Pflichtschüler und -schülerinnen Medikamente einnehmen müssen. Dafür wollen die Lehrer keine Verantwortung übernehmen. Da hören wir dann Sätze wie: "Ich habe 25 Kinder in der Klasse, darum kann ich mich nicht auch noch kümmern."

STANDARD: Ist aber vielleicht doch eine richtige Einschätzung der Lehrer, oder?

Damm: Was ist die Alternative? Kinder mit chronischen Erkrankungen haben ja das Recht auf einen Schulbesuch. Aus unserer Sicht wäre ein neuer Blick auf die Problematik ein erster wichtiger Schritt. Es geht darum, Strukturen innerhalb des Schulbetriebes zu schaffen, in denen die Gesundheitsbelange von chronisch kranken Kindern auch aktiv an alle kommuniziert werden. Das gibt es derzeit nicht und daraus entsteht auch die Verunsicherung.

STANDARD: Von welchen Krankheiten sprechen wir konkret?

Damm: Es gibt sehr viele unterschiedliche chronische Erkrankungen, bekannt ist der Diabetes. Da müssen sich Kinder müssen an Essensregeln halten, Blutzucker messen und Insulin spritzen. Prinzipiell ist das alles planbar, aber unvorhergesehene Änderungen im Tagesablauf, etwa ein spontaner Dauerlauf, ist für Diabetiker eine Herausforderung. Häufig ist zum Beispiel auch Asthma und Epilepsie. Lehrer sollten wissen, wie sie Zeichen eines Anfalls erkennen und wie dann zu reagieren ist.

STANDARD: Lehrer haben aber doch eine Erste-Hilfe-Ausbildung, oder?

Damm: Wir haben in einer Umfrage festgestellt, dass das Wissen der Lehrer, was Erste Hilfe-Maßnahmen betrifft, ganz besonders schlecht ist. An die 50 Prozent wussten zum Beispiel nicht, wie man auf einen epileptischen Anfall bei einem Kind reagiert. Das ist auch kein Wunder, denn mit einem einmaligen Erste-Hilfe-Kurs meist am Beginn ihrer Laufbahn ist es getan. Wir fordern daher regelmäßig verpflichtende Auffrischungskurse für Lehrpersonal, das würde die Situation schon enorm verbessern.

STANDARD: Was heißt: Sie fordern?

Damm: Nach unseren Recherchen zur Versorgung chronisch kranker Kinder im Schulalltag haben wir eine Bürgerinitiative gestartet, um auf diverse Missstände aufmerksam zu machen. Nur leider ist es wie so oft in der Kinder- und Jugendgesundheit, dass die Verantwortung zwischen den Ministerien und zwischen Bund und Ländern hin und hergeschoben wird. Zu Lasten der Kinder. Dabei wurde die Integrierte Versorgung sogar in der 15a-Vereinbarung im Regierungsprogramm festgehalten. Darauf beziehe ich mich.

STANDARD: Was wären konkrete Maßnahmen, die die Situation verbessern würden?

Damm: Wie gesagt: Ein Teil unserer Forderung ist struktureller Natur. Normalerweise sind die Schulärzte und die Direktoren über gesundheitliche Handicaps von Schülern informiert. Doch dieses Wissen wird nicht an die Lehrer weitergegeben. Wenn ein Kind mit Rheuma bestimmte Übungen im Turnen nicht mitmachen will, ist das nicht Faulheit, wie es der Turnlehrer oder Turnlehrerin vielleicht unterstellen könnte, sondern eine richtige Entscheidung des Kindes.

STANDARD: Kinder könnten das aber doch selbst kommunizieren, oder?

Damm: Chronisch kranke Kinder wollen ganz normal sein, nicht auffallen. Sie wollen ganz normal sein. Und strengen sich dafür auch oft enorm an. Das ist der Grund, warum sie auch nichts sagen. Auch dem Turnlehrer nicht. Wenn der dann nicht über die Krankheit Bescheid weiß, kommen Sätze wie "Was für alle anderen gilt, gilt auch für dich". So etwas kann bei chronisch kranken Kindern lebensgefährlich sein.

STANDARD: Inwiefern?

Damm: Weil kritische Zustände nicht dramatisch, sondern im Gegenteil, oft sehr leise verlaufen und deshalb nicht erkannt werden. Es kann zum Beispiel sein, dass ein Kind so wirkt, als sei es eingeschlafen, in Wirklichkeit müsste es aber dringend ins Spital. Es geht darum, ein Sensorium für kritische Situationen von Schülern mit chronischen Erkrankungen zu schaffen. Auch bei den Mitschülern. Wir wissen, dass Kinder durchaus auch aufeinander aufpassen.

STANDARD: Man könnte aber auch behaupten, dass Kinder mit chronischen Erkrankungen zusätzlich stigmatisiert werden?

Damm: Nein. Es geht um Offenheit und Transparenz. Es gibt unzählige Beweise dafür, dass der offene Umgang mit Erkrankung einen positiven Effekt auf die Lebensqualität der Betroffenen hat. Nichtwissen ist gefährlich und macht Angst, das sehen wir in den Diskussionen immer wieder.

STANDARD: Inwiefern?

Damm: Kinder mit chronischen Erkrankungen haben ein Recht auf den Schulbesuch und gleichzeitig ein Recht auf angemessene Gesundheitsbetreuung. Was wäre denn die Alternative dazu? Einzelbetreuung? Das größte Problem ist eine Hilfeleistung, die aber nicht in der Amtshaftung des Lehrpersonals enthalten ist. Darauf beharren aber die Lehrergewerkschaften. Auch das Bildungsministerium engagiert sich nicht.

STANDARD: Mit welchen Maßnahmen ließe sich das verbessern?

Damm: Eine Möglichkeit wären Sonderpädagogen, die den Lehrern unterstützend zur Seite gestellt werden, wenn es notwendig ist - in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern zum Beispiel. Sie machen auch einen Teil der chronisch kranken Kinder aus. Sonderpädagogen sind eine für alle Seiten entlastende und damit effiziente Maßnahme. Allein: Man streitet um die Finanzierung des notwendigen Unterstützungspersonals, das aus dem Pflegebereich kommen müsste. Es gibt Bundesländer, die die Kosten für diese Hilfestellung nicht übernehmen wollen. Aus diesem Grund haben wir auch eine Bürgerinitiative gestartet und hoffen auf breite Unterstützung zum Wohle der Kinder. Es ist ein Teil unserer Initiativen.

STANDARD: Was noch?

Damm: Abgesehen vom bereits erwähnten Assessment bei Schuleintritt von chronisch kranken Kindern und einer funktionierenden schulinternen Kommunikationsplattform geht es uns vor allem um eine Änderung in der Haltung der Menschen. Es gibt kein: "Entweder du bist gesund und in der Schule oder krank und zu Hause" mehr. Die Übergänge sind bei jedem Menschen fließend und ändern sich auch. Kinder und Jugendliche sollten wir begleiten. (Karin Pollack, 9.6.2015)

Gleiche Rechte für chronisch kranke Kinder

Die Bürgerinitiative kann jede Unterstützung brauchen. Ziel sind mindestens 30.000 Unterzeichner! Gemeinsam können wir das schaffen. Derzeit ist das parlamentarische Verfahren im Gange und daher braucht die Initiative jetzt möglichst viele Befürworter, um die schulischen Rahmenbedingungen für diese Kinder zu verbessern.

  • "Chaos" steht am T-Shirt dieses Schülers. Wenn es um Fragen der Kinder-und Jugendgesundheit in Schulen geht, stimmt dieser Ausdruck.
    foto: fischer

    "Chaos" steht am T-Shirt dieses Schülers. Wenn es um Fragen der Kinder-und Jugendgesundheit in Schulen geht, stimmt dieser Ausdruck.

  • Lilly Damm ist engagiert sich im Rahmen des Zentrums für Public Health am Institut für Umwelthygiene der Med-Uni Wien für Kinder- und Jugendgesundheit.
    foto: cremer

    Lilly Damm ist engagiert sich im Rahmen des Zentrums für Public Health am Institut für Umwelthygiene der Med-Uni Wien für Kinder- und Jugendgesundheit.

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