Was eine seit 17 Monaten kaputte Rolltreppe über die Infrastruktur der USA aussagt

Blog9. Juni 2015, 13:40
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In der Washingtoner U-Bahn-Station Friendship Heights wartet man seit einer gefühlten Ewigkeit auf die Instandsetzung. Auch der geplante Straßenbahnbau wurde wieder gestoppt

Es sind jetzt 17 Monate. Vor 17 Monaten rückte ein Reparaturtrupp an, um sich an unserer U-Bahn-Station, Friendship Heights in Washington, einer kaputten Rolltreppe anzunehmen. Nicht, dass gleich repariert worden wäre. Es verschwand bloß die alte Rolltreppe, das Loch umzäunt von blauen Brettern, auf denen ein Hochglanzposter eine naheliegende Frage stellte: "Was geschieht hinter dieser Wand?" Die Antwort: "Qualifizierte Männer und Frauen setzen diese Rolltreppe instand. Es kann sechs bis 19 Wochen dauern, bis der Job erledigt ist."

Das wäre spätestens im Juni 2014 gewesen. Die Frist verstrich, ohne dass qualifizierte Männer und Frauen sich auch nur blicken ließen. Dazu muss man sagen, dass Friendship Heights eine hochfrequentierte Metro-Station ist, schon wegen eines Busbahnhofs, der darüber liegt und von dem tausende Pendler in die Vororte fahren. Es gibt drei lange Rolltreppen, die vom Tunnel zu einer unterirdischen Vorhalle führen, und zwei kürzere von der Halle ins Freie. Defekt ist eine der beiden kurzen, was zur Folge hat, dass sich dort zur Rushhour ein veritabler Pendlerstau bildet.

Auf so eine kleine "inconvenience" reagieren die Washingtonians normalerweise mit dem, was die Briten "stiff upper lip" nennen, der stoischen Miene der steifen Oberlippe. In Friendship Heights funktioniert das nur noch bedingt, dort ist es zum Objekt beißenden Spotts geworden, das Vakuum hinter dem Bretterzaun. Bei der Metro nennen sie inzwischen den 22. Dezember 2015 als neuen Termin.

Frustrierender Vergleich mit China

Ich muss an Thomas Friedman denken. Friedman, der Starkolumnist der "New York Times", aus dessen Feder Globalisierungsbücher mit Titeln wie "Die Welt ist flach" stammen, wohnt in Bethesda, einer Satellitenstadt am Rande von Washington. Am U-Bahnhof dort war eine Rolltreppe so lange außer Betrieb, dass Friedman wenig schmeichelhafte Vergleiche mit China anstellte, wie es überhaupt zur aktuellen amerikanischen Seelenlage gehört, sich immerzu an China zu messen. Sechs Monate repariere man nun schon an einem Escalator mit 21 Stufen herum, schrieb Friedman, während die Stadt Tianjin gerade mal acht Monate brauchte, um eine 230.000 Quadratmeter große Kongresshalle hinzuklotzen, imposante Escalators eingeschlossen. Der Vergleich sei frustrierend.

Im Übrigen gehört es zu den Ritualen Amerikas, dass der Berufsverband der Ingenieure der nationalen Infrastruktur alle vier Jahre ein Zeugnis ausstellt, eine "Report Card" wie in der Schule. Das letzte Mal, 2013, gab es ein D+, was in Mitteleuropa eine Vier plus wäre. Dazu nur dieses Detail: Jede neunte der über sechshunderttausend Brücken ist statisch instabil, bis 2028 müsste man pro Jahr 20,5 Milliarden Dollar investieren, um des Problems Herr zu werden. Zurzeit fließen nur zwei Drittel dessen, was nötig wäre, eine typische Ratio für die Finanzierungslücke in Sachen Infrastruktur.

Stopp für die Straßenbahn

Im Washingtoner Rathaus war man noch vor kurzem ungemein stolz auf das Projekt einer Straßenbahn, der ersten nach einem halben Jahrhundert Pause, die das Comeback einer einst populären Magistrale im Osten der Stadt besiegeln sollte. 1968, nach dem Mord an Martin Luther King, waren an der H Street reihenweise Geschäfte in Flammen aufgegangen. Nun schwingt das Pendel zurück, die Gegend ist angesagt, und die "Streetcar" sollte so etwas wie das I-Tüpfelchen auf die Renaissance sein. Dreieinhalb Kilometer Gleise waren verlegt, 160 Millionen Dollar ausgegeben, der Probebetrieb hatte begonnen, als die Stadtverwaltung plötzlich den Stecker zog und den Stopp mit ausufernden Kosten begründete. Wie lange das Projekt auf Eis liegt, wagt niemand zu prophezeien.

Aber zurück zu unserer Rolltreppe. Selbst der (überaus stoische) Kundenberater der hauptstädtischen Verkehrsbetriebe WMATA rattert am Telefon nicht mehr nur seine Standardsätze herunter: Dass leider der alte Rolltreppenhersteller bankrott sei, weshalb man ein grundsätzlich neues Rolltreppenmodell einbauen müsse, was natürlich seine Zeit brauche. Er sagt verständnisvoll: "Das dauert ja wirklich verdammt lange." (Frank Herrmann aus Washington, 9.6.2015)

  • An der U-Bahn-Station Friendship Heights in Washington funktioniert eine Rolltreppe nicht – seit 17 Monaten.
    foto: reuters/kevin lamarque

    An der U-Bahn-Station Friendship Heights in Washington funktioniert eine Rolltreppe nicht – seit 17 Monaten.

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