Abgestempelt als "Asoziale": Schau über NS-Verfolgung

8. Juni 2015, 14:56
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Unter dem Titel "Ein fauler Kerl oder ein fleißiger Arbeiter" werden Todesurteile gegen straffällige "Asoziale" am Salzburger NS-Sondergericht aufgearbeitet

In der Zeit des Nationalsozialismus gerieten verschiedene Bevölkerungsgruppen ins Visier des Verfolgungsapparats. Im November 1933 wurde in Deutschland ein "Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher" erlassen - als "asozial" abqualifiziert wurden Arbeits- und Obdachlose, Bettler, Prostituierte, Homosexuelle sowie Sinti und Roma. Ideologisch rechtfertigten die NS-Juristen dies mit ihrer rassistischen Definition von "deutscher Arbeit" und "deutscher Volksgemeinschaft". Die solchermaßen negativ Typisierten wurden diversen Zwangsmaßnahmen ausgesetzt: Aussonderung, Sterilisation, Verschleppung in Konzentrationslager, Vernichtung.

Im Erinnerungsdiskurs werden "Asoziale" oft noch immer stiefmütterlich behandelt. Jetzt haben die Historiker Patrick Bohn und Peter März vom Salzburger Verein Kalliope eine Schau zusammengestellt, die mithelfen soll, diese Leerstelle in der Erinnerungskultur zu beseitigen: Unter dem Titel "Ein fauler Kerl oder ein fleißiger Arbeiter" werden darin Todesurteile gegen straffällige "Asoziale" am Salzburger NS-Sondergericht aufgearbeitet. Dass "Asozialen" bislang weniger Aufmerksamkeit gewidmet worden ist, hängt auch mit der schlechten Quellenlage zusammen. Wie Historiker Gert Kerschbaumer eruiert hat, wurden die meisten Akten des Salzburger Sondergerichts vernichtet.

Das Sondergericht urteilte über Lebensführung und "lockeren" Lebenswandel. So geht der Titel der Ausstellung auf die Formulierung eines Staatsanwaltes zurück, der nur daran interessiert war, ob es sich beim Angeklagten um einen Faulpelz oder fleißigen Arbeiter handelte. Trotz aller Aktenvernichtung weiß man, dass am Salzburger Sondergericht 66 Todesurteile gefällt wurden. Eine wichtige Schau, die auch wegen der Bettlerdebatte in Salzburg mehr als nur historische Relevanz hat. (dog, 8.6.2015)

9.-19. 6., Salzburg, Unipark Nonntal / Galerie (1. OG)

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