ÖZV-Digital-Tagung: Print liegt mittelfristig vor Digital

8. Juni 2015, 14:55
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Analysten erwarten verstärkt Rückgangsphasen - Online-Wachstum allein kann Print-Verluste nicht kompensieren

Wien - Mobile Geschäftsmodelle und Paid Content-Strategien standen am Montag im Mittelpunkt der Digital-Tagung des Österreichischen Zeitschriften- und Fachmedienverbands (ÖZV) in Wien. "Die Abwärtsentwicklung bei Print geht weiter. Print ist aber absolut auch 2020 noch stärker als Digital", berichtete Niklas Wilke von PricewaterhouseCoopers (PwC) über die großen internationalen Medientrends. Erst vergangene Woche präsentierte PwC ihre jährliche Studie zum Wachstum in der Medienbranche.

Print ist immer noch stark

Die Digitalisierung sei dabei eine "große Chance" für die Medien, insbesondere für Fachmedien. Neue Geschäftsmodelle könnten die Zukunftsfähigkeit sichern. "Es wird immer Platz in Nischen geben", erklärte Wilke. 2019 würden noch immer 85 Prozent der Erlöse aus Print kommen. Print bleibe das "große Zugpferd", die Wachstumsdynamik werde sich aber im digitalen Bereich abspielen.

Das gelte laut Wilke auch für den Printmarkt in Österreich. "Zeitungen sind in Österreich sehr stabil, wir erwarten für die nächsten Jahre aber eine ordentliche Rückgangsphase", prognostiziert der PwC-Partner. Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen erwartet sinkende Auflagen bei Zeitungen und Zeitschriften, bei Fachzeitschriften rechnen die Experten aufgrund das massiven Anstiegs bei Digitalausgaben mit einer positiven Entwicklung. "Die Zukunft ist digital", sagt Wilke.

Wichtig ist die Informationsverfügbarkeit

Ulrich Hermann vom Fachverlag Wolters Kluwer-Deutschland ging auf den Nutzen für den Kunden und die Möglichkeiten der Verlage ein. "Das Verlagsgeschäft dreht sich in Zukunft nicht mehr nur um Inhalte, sondern auch um das Kundenerlebnis" , beschreibt er seine Erfahrungen. Die Preisbildung erfolge nach dem Nutzen für den Kunden in seiner Wertschöpfungskette. "Im Analogen ist die Information selbst wichtig und nicht das Woher, während es im digitalen Feld vor allem das Wie der Informationsbeschaffung ankommt. Der Wert, für den der Kunde zahlt, ist die Verfügbarkeit."

Nils Oberschelp, Vorsitzender der Geschäftsführung der Gruner+Jahr-Tochter DPV Deutscher Pressevertrieb, zeigt sich überzeugt, dass die Bereitschaft steigt, für digitale Inhalte zu zahlen. Das bisherige Kerngeschäft werde aber "sicher auch die nächsten zehn Jahre noch Haupteinnahmequelle" sein. Den Medien empfahl Oberschelp "Investitionen in Marke und Content".

Stärkung durch Erweiterung

Wie Fachmedien ihr Kerngeschäft stärken können, erläuterte Claudia Michalski, Geschäftsführerin der Verlagsgruppe Handelsblatt mit den Schwerpunkten auf Fachmedien und Beteiligungsmanagement. Nicht nur in Publikumsmedien, sondern auch in Fachmedien werde das Kerngeschäft durch Diversifikation des Angebots ergänzt. "Eingeführte, in den Zielgruppen bekannte Marken werden verlängert um digitale Produkte, Datenbanken, Veranstaltungen, Workflow-Lösungen, Dienstleistungen und vieles mehr. Eine konsequente Dachmarkenstrategie vorausgesetzt, führt die Diversifikation nicht nur zur Markterweiterung, sondern wirkt sich auch positiv auf die Kernmarke aus und stabilisiert das Fachmedien-Geschäft nachhaltig", erklärt Michalski.

Gratis muss nicht unbedingt sein

Marco Olavarria von Kirchner + Robrecht Management Consultants widmete sich bei der Digital-Tagung dem Thema Paid-Content-Strategien für Fachmedien und Zeitschriften. Für Olavarria liegen die Chancen von Paid Content vor allem in der Fokussierung auf die Kundenbedürfnisse und in der Optimierung der eigenen Qualität: "Zahlungsbereitschaft kann aufgebaut werden. Es müssen die richtigen Mehrwerte geschaffen werden." Für Olavarria ist auch klar, dass Freemium-Modelle funktionieren und hier die Fachpresse eine Vorreiterrolle einnehmen kann.

"Erfolge im Content-Marketing basieren oft auf Leidensdruck. Man will einen Artikel den man bereits zu lesen begonnen hat, dann doch zur Gänze konsumieren und bezahlt dann dafür", erklärt Olavarria die Vorzüge des Freemium-Modells. Eine andere Art von Leidensdruck ist seiner Ansicht nach Stress. "Wenn man keine Lust oder Zeit mehr hat, nach freien Inhalten zu suchen, dann sagt man sich auch gern, dass die neun Euro jetzt egal sind." (ahab/APA, 8.6.2015)

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