Die tote Gajeta

Kolumne10. Juni 2015, 07:26
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Ich weiß es jetzt nicht mehr so genau, vielleicht bin ich zwanzig, nicht viel älter, kaum jünger, als sie aus ihrem Grab zwischen den Tamarisken hinter der flachen Bucht von Bistrica verschwindet

Auch die Stivanjani wissen nicht, wer, wahrscheinlich nachts, ihr gutes und auch ihr rottendes Holz bis auf den letzten "Madir", wie man in Dalmatien zur Planke sagt, verschwinden lässt. Es müssen mehrere Männer gewesen sein, weil die tote Gajeta gut sechs Meter lang ist. Man ist sich in Sutivan nicht einmal einig, ob es überhaupt Stivanjani sind oder andere Bračani. Eines Morgens, im Winter zuvor, so erzählt man in Sutivan damals, sei die alte Gajeta verschwunden.

Revanche

Manche meinen, jemand habe seinen Holzvorrat zum Heizen ergänzt, andere meinen, jemand habe so dem alten Kirigin, dem letzten Besitzer der Gajeta, noch über das Grab hinaus einen "Dišpet" machen wollen. So nennt man hier, wie so viele Wörter von den Italienern geborgt und heimisch gemacht, wenn jemandem eine Bösartigkeit angetan wird. Der Grund ist fast immer die Revanche für davor stattgefundene Bösartigkeiten, was eine Kette von Revanche und Gegenrevanche bildet, die meist so lange in die Vergangenheit zurückreicht, dass der ursprüngliche Grund für den Streit und das gegenseitige "Dišpet machen" zum Gegenstand gleich mehrerer Dorflegenden wird. Da sind die Bewohner von Brač nicht anders als alle anderen Inselbewohner Dalmatiens oder als eben Dorfbewohner sonstwo auf der Welt.

Worte im Wind

Petar Kirigin allerdings ist zu Lebzeiten mit niemandem aus Sutivan im Streit, zumindest in keinem Streit, der heftig genug oder zu lang nicht beigelegt ist, damit ein Dišpet-Ping-Pong entsteht. Zwar ist mein Großvater mit dem alten Kirigin befreundet, aber ich bin damals ein Kind und weiß nur, dass es Spaß macht, wenn der Kirigin mich auf sein Maultier hievt.

Er riecht nach dem Maultier, saurer Weinmeische, Schweiß und trockenen Feigen. Dann weiß ich noch, dass er ein kantiges Kinn hat, traurige Augenlider, aber einen immer zum Lächeln bereiten Mund. Er trägt einen Strohhut, fast so groß wie ein Sombrero, unter dem wir beide im Schatten bis zur Bistrica reiten. Da steige ich ab, und bevor ich zurück zu meinem Großvater laufe, zeigt der alte Kirigin fast jedes Mal auf die tote Gajeta zwischen den Tamarisken und sagt: "Jetzt reite ich auf der Mula (Maultier), aber früher bin ich mit meiner Gajeta auf den Wellen im Jugo (Südwind) geritten ..."

Doch ich laufe schon und seine Worte bleiben in meiner Erinnerung mit dem Wind vermischt, wie in einem kitschigen Film. Über den alten Kirigin weiß ich nur noch das, was man in Sutivan über den Tod seines Vaters erzählt. Diesem soll das Herz geborsten sein, als er gehört hat, dass die Italiener in Supetar gelandet sind und mordend, plündernd und vergewaltigend nach Sutivan vorrücken. Der alte Kirigin, so die Geschichte, steht in diesem Moment genau neben seinem Vater. Ich bin noch immer ein Kind, als auch der alte Kirigin, einige Zeit nach seiner Mula, an einem Herzinfarkt stirbt.

Jede Gajeta ist eine Frau

Als ich ein Teenager bin, wie man hier sagt, ein "Mulac", liegt Kirigins Gajeta noch immer, leicht nach steuerbord geneigt, zwischen den Tamarisken hinter der Bistrica-Bucht. Wer nun den Begriff "Gajeta" in die einzige Suchmaschine, die ein eigenes Verb hat, eingibt, wird alles erfahren, was es über diese Art Boot zu wissen gibt, und dass ihr Name von einer sagenhaften Frauenfigur aus der Aeneaslegende rund um den Gündungsmythos Roms hergeleitet wird. Vor allem aber, dass die Besonderheit der Gajeta darin besteht, dass sie im mediterranen Raum die am weitesten verbreitete Bottstype ist – also nichts Besonderes oder Seltenes. Als Kirigins Gajeta noch unter den Tamarisken ruht, ist jedoch ein Computer etwas, was nur in der Science Fiction Teil eines jeden modernen Haushaltes ist, und das WWW ist ein ungeborenes Akronym für etwas, das es noch nicht einmal in Autorenfantasien gibt.

Das Rauschen der Sinne

In meinen Mulac-Jahren ist die tote Gajeta des toten alten Kirigin für mich eine wundersame, sinnliche Wahrnehmung. Schon die Tamarisken haben einen charakteristischen Geruch, und weil sie so nah am Meer wachsen können, wie sonst kein Baum am Mittelmeer, riecht man unter Tamarisken auch immer das Meer. In diese Tamarisken/Meersalz-Geruchsglocke ist die Gajeta eingebettet.

Sie selbst hat mehrere Geruchszonen, die je nach Wind, Tageszeit und Wetter verschieden stark zur Melange beitragen. Am Heck und im gesamten hinteren Drittel, wo die Holzfundamente des Dieselmotors sind, der schon während der 1950er-Jahre das Lateinersegel ersetzt, riecht es nach Maschinenschmiere, und wenn die Sommersonne die Bodenplanken jahrelang ausgetropften Treibstoff ausschwitzen lässt, auch stark nach Diesel. In der Mitte, zwischen dem Motorfundament und dem längst abgesägten Mast, riecht es nach jedem Regen leicht modrig und anschließend, wenn alles wieder trocken ist, nur nach altem, verwittertem Holz.

Vorne, wo ein beplanktes Oberdeck den Stauraum für Fangwerkzeug und alles, was nicht nass werden soll, bildet, riecht es fast immer moderig. Das liegt an der quadratischen Öffnung am Bug, die Škaf heißt und dazu dient, dass ein Mann darin stehen kann, um das Netz zu legen oder um in windstillen Nächten, wenn die Gajeta durch flaches Wasser gerudert wird, die Fische, die im Lichtkegel einer Gaslampe gefangen sind, mit einer langen Harpune aufzuspießen. Auf der toten Gajeta fehlt der Deckel für das Škaf, das Regenwasser bleibt im Stauraum darunter lange stehen und erzeugt den moderigen Geruch.

Sonne am Deck

Ihre Farbe ist schon lange abgewittert und nun ist sie einfach grau, liegt wie ein Wal zwischen den Tamarisken und wir Kinder spielen im Winter Piraten auf und in ihr. Später, als "Mulci", ist uns im Sommer ganz wichtig, wer es zuerst schafft, sein Handtuch auf dem Deck über dem Stauraum auszubreiten. Es passen zwei große Badetücher darauf und das Ziel ist, einem Mädchen, das wir Mulci versuchen herumzukriegen, einen exklusiven Ort für ein Sonnenbad zu bieten. Manchmal gelingt es mir, manchmal einem anderen aus unserer "Bande". Heute bin ich wehmütig, wenn ich an die tote Gajeta des alten Kirigin denke.

Aber als sie verschwindet, bin ich zu sehr damit beschäftigt, mir einen neuen exklusiven Ort für mein Handtuch zu suchen. Und eine neue Sommerfreundin zu finden. (Bogumil Balkansky, 10.6.2015)

  • Eine Gajeta irgendwo in Dalmatien.
    foto: rechte: siegfried tauqueur / picturedesk

    Eine Gajeta irgendwo in Dalmatien.

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