Schräglage: Zwischen Pokal und Spital

21. September 2015, 14:40
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Volle Schräglage, volles Risiko. MotoGP-Piloten wie Marc Márquez sind die Meister der aufsehenerregenden Fahrweise auf zwei Rädern. Wie schmal der Grat zwischen "Wow" und "Au" ist, kann jeder leicht selbst herausfinden. Aber Vorsicht: Das kann auch richtig gescheit wehtun.

Was den Erholungsbedürftigen das Rauschen des Meeres ist – ein Geräusch, das einem auf magische Weise Wohlbehagen bereitet –, ist dem Motorradfahrer das Kratzen des Knieschleifers am Asphalt. Obschon: Im Grunde ist es ja gar kein schönes Geräusch und meist auch noch vom Motorenlärm überlagert. Aber weil das Aufsetzen des Knies ein Sicherheitsgefühl erzeugt, das schon fast an Unbesiegbarkeit oder mütterliche Fürsorge erinnert, ist dieser Moment so schön. Dabei beginnt beim Motorradfahren mit dem Aufsetzen der ersten Körperteile auf dem Boden der Tanz auf dem Grat zwischen Pokal und Spital. Wer den tiefsten Hang-off fährt, zählt zu den Schnellsten, weil er durch die Verlagerung des Schwerpunktes höhere Kurvengeschwindigkeiten fahren kann. Einfachste Physik.

Aber wer den Hang-off nicht derreitet, wird unter Umständen regelrecht vom Motorrad katapultiert, zum Beispiel wenn das Hinterrad zu rutschen beginnt, sich wieder fängt und sich das Motorrad des Energieüberschusses über den Fahrer entledigt. In Fachkreisen spricht man vom Highsider. Bitterböseste Physik. Darum gilt beim Hang-off ein alter Spruch nicht, nämlich jener, der besagt, dass nur das Fliegen schöner sei. Denn der Aufschlag in der Realität ist auch nach der eher bescheidenen und wenig eleganten Flugphase leider viel zu oft viel zu heftig.

Marc Marquez

Doch zurück zur romantischen, zur leidenschaftlichen, zur herrlichen Seite der Knieschleiferei. Der Meister des Hang-off ist der erst 22 Jahre alte, aber schon vierfache Weltmeister Marc Márquez. Der spanische Moto-GP-Pilot begann seine Motorrad-Karriere auf losem Untergrund, beim Motocross und Dirt-Track. Während Motocross nicht zuletzt dank Heinz Kinigadner und KTM in Österreich wohlbekannt ist, kennen Dirt-Track nur Insider.

Dirt-Track kann man sich wie eine Mischung aus Speedway und Motocross vorstellen. Auf einer ovalen Sandbahn fahren die Piloten im Kreis. In den Kurven wird gedriftet. Am Lenkeinschlag. Beim geringsten Fehler schlägt aber auch der Pilot ein. Denn damit die Geschichte ein bisserl spannender wird, haben die Motocross-Maschinen, mit denen man Dirt-Track fährt, keine Bremsen. Statt zu verzögern, reißen die Burschen am Kurveneingang noch einmal das Gas auf und legen die Maschine um, bis sie komplett quer am anderen Ende wieder herauskommen.

Das ist also die Schule, durch die Marc Márquez ging. Maximale Schräglage bei null Grip, einem Höllentempo und einem Gedränge am Kurveneingang, als würde beim Stiefelknecht grad der Sommerschlussverkauf starten.

68 Grad Schrecklage

Nach seinen Erfolgen in der 125er-WM und der Moto2-Klasse, zu denen je ein Weltmeistertitel zählt, legt er heute seine Honda in der Kurve um weit mehr als 60 Grad um. Selbst als ihm bei unglaublichen 68 Grad Schräglage das Motorrad wegzurutschen drohte, ließ er sich nicht abwerfen. Er richtete sie wieder auf und fuhr weiter, als wäre nichts gewesen. Dabei sind 68 Grad keine Schräg-, sondern eine Schrecklage. Detonationswahrscheinlichkeit: über 100 Prozent. Nicht so bei Márquez. Der schleift eben in solchen Situationen nicht nur mit dem Knie und dem Ellenbogen am Asphalt, sondern auch gleich mit der Schulter. Aber in dem Moment hat sogar er verstanden, dass er näher am Spital als am Pokal war. Und Experten fragen sich, um wie viel mächtiger der Strich in der Unterhose wohl war als jener, den der heiße, weiche Slick bei dem Manöver meterlang am Asphalt von Brünn hinterlassen hat. Es war der elfte MotoGP-Lauf 2014, falls Sie bewegte Bilder dieser spektakulären Sekunden im Internet suchen. Eine Animation davon finden Sie auch hier.

Neben den höheren Kurvengeschwindigkeiten, die ja im Rennsport relativ wichtig sind, wenn man gewinnen will, hat der tiefe Hang-off einen weiteren enormen Vorteil. Es ist nicht mehr so weit bis zum Boden, sollten die Pneus ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen wollen. Und man hat auch schon eine halbwegs devote Haltung angenommen. Es hat schon etwas von einer Religion, das Hang-off-Fahren, weil man vor dem Altar des Apex kniet und dort ein wenig vom Knieschleifermaterial opfert. Was die Religionstheorie unterstreichen könnte, ist die Tatsache, dass die Biker, die den Hang-off nicht derfahren, ihn für gefährlich, unnötig und falsch halten.

Stützrad Knie

Dabei ist das Sicherheitsgefühl, das man beim Aufsetzen des Knies erlebt, gar nicht so falsch. Das Knie wirkt wie ein Schräglagensensor und ist dabei gleichzeitig eine Art Stützrad, wenn es sein muss. Kaum hat man Kontakt zum Boden, spürt man deutlicher, wie weit man noch gehen kann. Und sollte die Fuhre doch wegzurutschen beginnen, weil man es übertrieben hat und der Reifen der Klügere ist – und damit jener, der als Erster nachgibt –, kann man sich mit etwas Druck aufs Bein unter Umständen so weit aufrichten, bis der Pneu wieder seiner Aufgabe nachkommt.

Einen Nachteil hat der Hang-off aber, dessentwegen ihn Fahrtechnikinstruktoren auf der Straße verteufeln. Wer rechts mit dem Knie schleift, kann in plötzlich auftretenden Gefahrensituationen nur schwer reagieren, weil es Kraft und Zeit braucht, den tiefen Schwerpunkt von einer Seite zur anderen zu bringen. Da ist die Drücktechnik effizienter. Die schaut aber nicht einmal halb so gut aus.

Einen schönen Hang-off zu fahren, kann man übrigens lernen. Beim deutschen Anbieter MS2 etwa, der mit einem Flügelmotorrad arbeitet. Die Stützräder schützen aber nicht vor dem Highsider. Wir wissen das aus Erfahrung. (Guido Gluschitsch, 21.09.2015)

  • Marc Márquez ist der Meister des Hang-off ...
    foto: apa

    Marc Márquez ist der Meister des Hang-off ...

  • ... und schleift nicht nur mit dem  Knie, ...
    foto: apa

    ... und schleift nicht nur mit dem Knie, ...

  • ... sondern bei über 60 Grad Schräglage sogar mit dem Ellenbogen, ...
    foto: ap

    ... sondern bei über 60 Grad Schräglage sogar mit dem Ellenbogen, ...

  • ... und manchmal sogar mit der Schulter.
    foto: ap

    ... und manchmal sogar mit der Schulter.

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