Ferrari 488 GTB: Da pfeift der Turbo

19. Juni 2015, 15:38
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Ferrari bringt einen neuen Achtzylinder mit Turbo auf den Markt, einen Gran Turismo Berlinetta, kurz Ferrari 488 GTB. Der Wagen beeindruckt durch Kraft und Schnelligkeit

Michele gibt es nicht mehr. Er hat sich in Maranello verabschiedet, auf dem Untersuchungstisch von Dr. Muti liegend, angehängt an das EKG, den Arm in der Blutdruckmanschette, den Finger im Pulsoxymeter. Die Ärztin fuhr in ihren Aufzeichnungen versehentlich eine Tabelle zu weit nach rechts und speicherte einen Volker Der ab. Das ö war schon zuvor abhandengekommen, noch am Flughafen in Bologna, "Der" wurde aus dem anschließenden Zeitungsnamen (... Standard) entliehen.

Aber Volker Der hatte prächtige Werte, konstatierte Dr. Muti, auch die Frage "Any drugs?" konnte er mit einem "No" beantworten, lediglich das Nikotinpflaster an der Schulter wies auf die letzten Ausläufe von Lust und Laster hin. Volker Der war fit für die Rennstrecke, keine Frage.

Zuvor hatte noch Raffaele, ein schmächtiges Bürschchen von einem Rennfahrer, versucht, Michele den Schneid abzukaufen. Und das war ihm gelungen. Vier Einführungsrunden im Ferrari 488 GTB auf der hauseigenen Rennstrecke von Fiorano reichten aus. Raffaele demonstrierte, was 670 PS in diesem Wagen anrichten können. Tatsächlich beschleunigt der Ferrari 488 GTB in nur drei Sekunden von null auf hundert und in nur 8,3 Sekunden auf 200 km/h.

Ohne Vergleich

Mit dem turboaufgeladenen V8 (3902 Liter Hubraum) will Ferrari ein neues Kapitel aufschlagen, und manch Matschkerer wird jetzt einwenden, ein Turbo passe nicht in einen Ferrari, aber der ist nicht im 488 GTB gesessen. Und wie der Turbo dort reinpasst. Es gibt kein Turboloch und auch nicht den sonst üblichen Turboschub, sondern der Motor prügelt praktisch kontinuierlich auf einen ein, von der ersten Sekunde an, wenn man will bis über 300 km/h hinaus. Die Leistungsentfaltung, der kontinuierliche Verlauf des Drehmoments, vor allem aber das unglaublich direkte Ansprechverhalten des Motors - Ferrari gibt hier einen Wert von 0,06 Sekunden an - sind ohne Vergleich und eine Klasse für sich.

Das Tolle ist aber das Handling des Wagens. "Mit dem kannst sogar du fahren", sagt Raffaele zu (noch) Michele, stellt den Wagen in der Kurve quer oder schneidet durch, "schau mal, was man mit dem alles machen kann", sagt er, "das ist doch prächtig", er lacht und erreicht auf der nicht gerade langen Geraden der kleinen Teststrecke 233 km/h, ehe er leichtfüßig abbremst und in die scharfe Rechtskurve einlenkt. Michele ist beeindruckt, um nicht zu sagen eingeschüchtert.

Jetzt aber kommt Volker Der federnden Schrittes in die Boxengasse, er hat die medizinischen Tests bereits hinter sich, absolviert mit Bravour den Reaktionstest und stellt sich nun dem Stresstest.

Gut, der Stressindikator 4 ist nicht unbedingt eine Auszeichnung, andere Piloten haben Faktor null vor dem Start. Und noch während der Arzt Volker Der, der einen Gürtel mit Messinstrumenten um die Brust trägt, den Sinn des Tests erklärt, steigt der Faktor am Computerbildschirm auf 5. Volker Der und Dr. Fati lächeln einander verlegen an, alle andere im Raum blicken zu Boden oder in die Luft.

Italienischer Vertragskram

Wo ist der Wagen? Volker Der will es jetzt wissen. Zuvor hatte der Mann, den sie einst Michele nannten, einen Vertrag unterschrieben, wonach Alexandra Föderl-Schmid, Chefredakteurin des Standard den Wagen kaufen würde, falls er hier vernichtet würde, und dass Wolfgang Bergmann, Geschäftsführer des ehrwürdigen Medienhauses, alle Haftungen übernehme, sollte es zu weiteren Verwüstungen kommen. Ferrari ist in diesen Angelegenheiten ganz unitalienisch etwas pingelig.

Solchermaßen von allen lästigen Verpflichtungen freigespielt, schlüpft Volker Der in den 488 GTB, drückt den Startknopf, der Motor springt mit einem kurzen, lauten Brüllen an. Raffaele hält beide Fäuste mit gedrückten Daumen in die Luft, und Volker Der biegt in die Rennstrecke ein. Anstatt sich wie besprochen mit einer Aufwärmrunde aufzuhalten, drückt Volker Der das Gaspedal, poff, poff, poff, die Gänge explodieren im Getriebe, der Motor brüllt, und Volker Der rast auf die erste Kurve zu. Bremsen, runterschalten, der Motor kreischt, einlenken, Gas geben, poff, poff, poff, die im Lenkrad integrierte Drehzahlanzeige gewinnt an Farbe, das hier ist richtige Arbeit, keine Lustreise, wie die Chefin immer behauptet, bremsen, runterschalten, kreischkreisch, einlenken, poffpoff. Am Computer von Dr. Fati in der Boxengasse gehen derweil der Stressfaktor und alle anderen Werte durch die Decke.

Zurück in der Box

In der dritten, vielleicht ist es die vierte Runde wird es ganz still im Cockpit von Volker Der, draußen noch brüllkreischundpoff, einlenken in die Gerade, das Pfeifen des Turboladers legt sich über die Strecke, 231, 232, 233, 234 steht auf der Anzeige im Auto, leck mich, Raffaele, bremsenbremsenbremsen, einlenken, poffpoff.

Der Stressfaktor stürzt in sich zusammen, ebenso Blutdruck und Herzfrequenz. Der Turbo pfeift.

Zurück in der Box, großer Empfang, Schulterklopfen, Raffaele hat Tränen in den Augen, und der Arzt Dr. Fati wachelt mit Ausdrucken, "you are a happy man", ruft er, "nix Stresse, zero". Die Emotionswerte, die der Arzt aus den Messwerten berechnet, weisen Volker Der als überglücklichen Menschen aus. In seinen Notizblock kritzelt dieser zufrieden: "Der beste Ferrari aller Zeiten." Schade bloß, dass Föderl-Schmid jetzt keinen 488 GTB besitzt, auch nicht in Teilen. Das hätte sie bloß 264.677 Euro gekostet. (Michael Völker, Rondomobil, 20.6.2015)

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Ferrari

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

  • Der Ferrari 488 GTB bei Testfahrten auf der Pista di Fiorana in Maranello.
    foto: ferrari

    Der Ferrari 488 GTB bei Testfahrten auf der Pista di Fiorana in Maranello.

  • Der Stressfaktor geht erst durch die Decke...
    foto: ferrari

    Der Stressfaktor geht erst durch die Decke...

  • ... und verwandelt sich dann in reines Glück.
    foto: ferrari

    ... und verwandelt sich dann in reines Glück.

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