Staudammflut bedroht Balkan-Schutzgebiete

8. Juni 2015, 10:47
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Insgesamt 113 Wasserkraftwerke sind laut der NGO Riverwatch in Nationalparks geplant

Wien - Laut einer aktuellen Studie von Riverwatch und Euronatur über Wasserkraftprojekte in Schutzgebieten sind zwischen Slowenien und Albanien 535 Projekte in strengen Schutzgebieten geplant. Davon sollen allein 113 mitten in Nationalparks liegen. Insgesamt wurden 1640 große, mittlere und kleine Wasserkraftwerke untersucht.

"Damit sind nicht nur die Gebiete an sich bedroht, sondern auch der generelle Wert der Schutzkategorie. Welchen Sinn hat die Marke 'Nationalpark', wenn dort selbst Kraftwerke gebaut werden können?", fragt Ulrich Eichelmann von Riverwatch.

Naturschutzgebiete sollen die Natur und deren Artenvielfalt erhalten. Das gilt ganz besonders für Nationalparks, in denen jede wirtschaftliche Nutzung untersagt ist. Doch das werde auf dem Balkan systematisch ignoriert, kritisiert Eichelmann, und zwar sowohl von EU-Mitgliedsstaaten wie Slowenien oder Kroatien, wie auch von EU-Beitrittskandidaten wie Albanien.

535 Wasserkraftprojekte sind mitten in Nationalparks, Biosphärenparks, Unesco-Weltnaturerbe-Gebieten, Ramsar-Schutzgebieten oder in Natura-2000-Gebieten geplant. Häufig sollen die Projekte mit Unterstützung von internationalen Unternehmen und Banken, vor allem aus der EU, realisiert werden.

Kraftwerke in Schutzgebieten

"Wasserkraftwerke haben in strengen Schutzgebieten, allen voran in Nationalparks, nichts verloren", sagt Eichelmann und fordert einen Finanzierungsstopp. "Die 535 geplanten Wasserkraftwerke bedeuten Zerstörung der Schutzgebiete durch den Bau von Staudämmen, Straßen, Stromleitungen und häufig auch die Ableitung des Wassers", berichtet Gabriel Schwaderer von Euronatur.

Ein Beispiel ist der albanische Nationalpark "Bredhi i Hotovës": Dort baut das österreichische Unternehmen ENSO Hydro aktuell mit finanzieller Hilfe der Österreichischen Entwicklungsbank (OeEB) und der Weltbank Wasserkraftwerke mitten im Nationalpark, informiert Riverwatch.

In Mazedoniens größtem Nationalpark, dem Mavrovo-Nationalpark, sind laut der Studie 22 Wasserkraftwerke geplant, teilweise finanziert von Weltbank, EBRD (European Bank for Reconstruction and Development) sowie der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau.

In Albanien gibt es erste Erfolge der Umweltschützer gegen die zunehmende Verbauung: Das Europäische Parlament forderte die albanische Regierung auf, die geplanten Wasserkraftprojekte an der Vjosa zu überdenken. Es handelt sich um den letzten großen Wildfluss Europas. Bisher ist der Fluss auf einer Länge von 270 Kilometern weitgehend unverbaut. Allein in Albanien sind jedoch 26 Wasserkraftwerke geplant. Zwei sind bereits im Bau. (july, DER STANDARD, 8.6.2015)

  • Der Mavrovo-Nationalpark liegt im Westen Mazedoniens. Auch dort sind 22 Wasserkraftwerke geplant.
    foto: reuters/ognen teofilovski

    Der Mavrovo-Nationalpark liegt im Westen Mazedoniens. Auch dort sind 22 Wasserkraftwerke geplant.

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