Essstörungen häufiger bei Migranten: Präventionsprojekt in Linz

8. Juni 2015, 10:12
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"Das Leben hat Gewicht!" - Diskriminierung als Risikofaktor - Betroffene: "Ich wollte jemand anderer sein, weil ich mich ausgeschlossen fühlte"

Das Linzer Migrantinnenzentrum "maiz" startet ein Projekt zur Prävention von Essstörungen bei Zuwanderern. Denn laut einer Studie des deutschen Robert Koch Instituts kommen derartige Symptome bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund eineinhalb mal so oft vor wie bei einheimischen. "Das Leben hat Gewicht!" ist auf zwei Jahre angelegt und richtet sich an Heranwachsende ebenso wie ihre Angehörigen.

Soziokulturelle Faktoren

Bei Essstörungen spielen soziokulturelle Faktoren wie Diskriminierung eine wesentliche, genetische jedoch - abgesehen von Adipositas - meist nur eine untergeordnete Rolle. Aber auch der Wechsel des kulturellen Umfeldes an sich kann bereits ein Risikofaktor sein, so die Projekt-Verantwortlichen von "maiz".

Das Team rund um Projektentwicklerin Elisabeth Cepek-Neuhauser hat das Institut für Frauen- und Geschlechterforschung an der Linzer Uni, das Frauengesundheitszentrum Linz, die Landesfrauen- und Kinderklinik sowie diverse Einrichtungen aus den Bereichen Soziales, Bildung und Kultur als Kooperationspartner mit an Bord geholt.

"Ich versuchte so zu sein, wie ich nicht bin. Zum Beispiel färbte ich mir die Haare blond", berichtet etwa die 18-jährige Enesi, die mit 16 an einer Essstörung litt. "Ich wollte jemand anderer sein, weil ich mich ausgeschlossen fühlte. Irgendwann projizierte ich das alles aufs Essen."

Künstlerische Auseinandersetzung

Sie hat ihr Problem aufgearbeitet, indem sie sich künstlerisch damit auseinandersetzte. In einer Video-Arbeit und einer Fotostrecke befasste sie sich mit dem Zusammenhang von Rassismus und Schönheitsidealen. Dabei ist ihr klar geworden: "Die Mehrheit glaubt, dass es bei Essstörungen nur um das Gewicht und ums Abnehmen geht. Aber es steckt viel mehr dahinter, nämlich Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, die man auch von der Gesellschaft antrainiert bekommt."

In der täglichen Beratungsarbeit sehe man, dass die Auseinandersetzung jugendlicher Zuwanderer mit ihrem Körper komplexer ist als bei nicht-migrantischen Altersgenossen, heißt es bei maiz. Ob man jemanden als "einheimisch" oder "fremd" ansieht, wird oft an Körpermerkmalen, etwa der Hautfarbe, festgemacht.

Vor allem Frauen verspüren daher noch stärker den Druck nach Normierung, um als "normal" anerkannt zu werden oder ästhetischen Idealen zu entsprechen. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema habe sich als hilfreich und stärkend für Jugendliche erwiesen.

Das Projekt "Das Leben hat Gewicht!" bietet seinen Teilnehmern daher neben Workshops und Diskussionsrunden zu den Themen Ernährung, Gesundheit, Konsum oder Ästhetik auch Kreativwerkstätten und die Mitwirkung an Medienproduktionen an. Primäre Zielgruppe sind jugendliche Migranten. Darüber hinaus sollen aber auch deren Angehörige sowie Fachleute aus dem Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen einbezogen werden. (APA, 8.6.2015)

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