Charmeure der symphonischen Übersicht

8. Juni 2015, 07:07
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Andrís Nelsons und Franz Welser-Möst im Musikverein

Wien - Die Wirkung: wie Balsam. Wie eine Woche Kur, wenn man denn je auf eine ginge. Denn wenn Andrís Nelsons dirigiert, dann agiert da auf dem Konzertpodium nicht nur ein Mann mit riesengroßen, herumschlingernden Armen, sondern auch einer mit einem riesengroßen, überquellenden Herzen. Herzensanliegen und Herzensinhalt sind primär: Glück.

Anton Bruckners siebte Symphonie interpretierte der gebürtige Lette mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) am Samstagabend im Musikverein. Diesen Sommer endet seine siebenjährige Amtszeit als Chefdirigent jenes Klangkörpers, den Simon Rattle in die erste Liga hochdirigiert hat. Nelsons ist seit dieser Spielzeit Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra, für die Nachfolge Rattles als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker wird er zum engsten Favoritenkreis gezählt.

Das CBSO befindet sich dank Nelsons' Wirken immer noch in der Champions League der Orchester: Das Feingefühl, die Genauigkeit, die Initiativkraft der Musikerinnen und Musiker war beglückend. Als verblüffend muss man die Übersicht über das Werk und die Sorgfalt der Werkausgestaltung beschreiben, die der erst 36-jährige Nelsons bei Bruckners Siebter an den Tag legte: Das können sonst eigentlich nur die Alten. Schlicht wundervoll im ersten Konzertteil auch Baiba Skrides Interpretation von Mozarts D-Dur-Violinkonzert KV 218: reich, vielfältig, geschmeidig und warmherzig, mit selbstverständlicher Virtuosität. Begeisterung.

Fulminante Geigenkunst

Nicht weniger Begeisterung am Samstagnachmittag beim Philharmonischen im Musikverein. Nachdem die Wiener Philharmoniker mit Dirigent Franz Welser-Möst Jean Sibelius' Lemminkäinen zieht heimwärts op. 22/4 (aus der Lemminkäinen-Suite) pointiert, akzentuiert und in Summe dann quasi als Wolke rasender Linien durchgespielt hatten, durchwanderte Geiger Nikolaj Znaider Peter Iljitsch Tschaikowskis Violinkonzert D-Dur op. 35 mit risikofreudiger Emphase.

Das Kantable des Werkes wirkte nie überkandidelt, das Virtuose nie aussagefrei. Znaider fusioniert quasi Kontrolle und Hingabe und erreicht Intensität auch im Zarten. Wie auch bei der Zugabe, Bachs Sarabande aus der zweiten Partita, die Klarheit mit Melancholie und Zerbrechlichkeit versöhnte.

Carl Nielsens vierte Symphonie op. 29 ("Das Unauslöschliche") wurde für Orchester und Dirigent dann zum Demonstrationsobjekt solistischer wie kollektiver Könnerschaft. Welser-Möst organisiert das formal konventionell viersätzige, inhaltlich indes erstaunlich individuelle Werk im Sinne der ausgewogenen Klangwirkung. Auch das erfrischend Unorthodoxe des Werkes kam indes zum Zug. Appalus. (end, tos, 8.6.2015)

  • Dirigent Andrís Nelsons begeistert im Wiener Musikverein mit seiner Auffassung und Interpretation von Anton Bruckners symphonischen Wucherungen.
    foto: reuters/brian snyder

    Dirigent Andrís Nelsons begeistert im Wiener Musikverein mit seiner Auffassung und Interpretation von Anton Bruckners symphonischen Wucherungen.

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