WM 2010: Fifa-Hokuspokus um Südafrika

7. Juni 2015, 18:06
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Der Skandal geht weiter: Marokko soll sich die WM 2010 erkauft haben, die aber dann am Kap stattfand

Domenico Scala (50) hat ein Problem. Wohl vernimmt der Schweizer Vorsitzende der Compliance-Kommission des Fußballweltverbands Fifa von allen Seiten die Forderung, die Weltmeisterschaften 2018 (Russland) und Katar (2022) neu auszuschreiben. Allein, dem vom scheidenden Präsidenten Joseph S. Blatter mit der Ausarbeitung von Reformvorschlägen beauftragten Funktionär fehlt die Handhabe. Sollten Beweise dafür vorliegen, dass die Vergaben nur dank gekaufter Stimmen zustande kamen, könnten sie nichtig sein. Scala: "Dieser Beweis wurde bisher nicht erbracht." Allerdings weiß er auch nichts über staatsanwaltliche Untersuchungen gegen Blatter oder andere Fußballfunktionäre. "Die Fifa würde mich als Präsidenten der Compliance-Kommission informieren, falls sie von Ermittlungen wüsste", sagte Scala der Schweizer SonntagsZeitung.

Das klingt ein wenig blauäugig. Angesichts der Vielfalt von Enthüllungen zu längst gespielten Weltmeisterschaften wäre es nämlich geradezu ein Wunder, wenn bei den Vergaben an Russland und Katar alles korrekt abgelaufen wäre. Die Zeit setzt gar die Lieferung deutscher Panzerfäuste an Saudi-Arabien in Bezug zur Vergabe der WM 2006. Das Exekutivkomitee der Fifa hatte sich damals mit 12:11 Stimmen für Deutschland und gegen Südafrika entschieden.

Vier Jahre später war Südafrika endlich dran, doch soll in Wahrheit Marokko die Abstimmung im Mai 2004 gewonnen haben. Nach einem Bericht der südafrikanischen Sunday Times will das der vor fünf Jahren über Betrugsvorwürfe gestolperte ehemalige Fifa-Funktionär Ismail Bhamjee aus Botswana mit Bankbelegen beweisen können.

Wer bietet mehr?

Marokko habe jedem afrikanischen Delegierten 300.000 Dollar geboten. Jack Warner, damals Chef der Konföderation für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik (Concacaf) und aktuell im Visier der US-Justiz, sei allerdings wegen höherer Offerte zu Südafrika umgeschwenkt. Im Zusammenhang mit dem Zuschlag an Südafrika erhält auch eine von Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke abgesegnete, spätere Zahlung an die Concacaf in Höhe von zehn Millionen Dollar neue Brisanz. Valcke soll per E-Mail bei der Regierung am Kap angefragt haben, wann mit dem Geld zu rechnen sei. Die Sunday Times behauptet, dass der Franzose in seinem Schreiben darauf verwiesen habe, dass Präsident Blatter und Südafrikas damaliger Staatschef Thabo Mbeki in die Diskussionen eingebunden gewesen seien.

Warner, der von seinem Generalsekretär Chuck Blazer an die US-Justiz verraten wurde, soll auch von Mitbewerber Ägypten Geld gefordert haben. Der britische Guardian zitiert dazu den früheren ägyptischen Sportminister Aley Eddine Helal: "Jack Warner verlangte sieben Millionen US-Dollar vor der Wahl", sagte der seinerzeitige Leiter des ägyptischen WM-OK. Ägypten blieb im WM-Rennen 2010 jedenfalls ohne Stimme. Marokko soll mit 14:10 gesiegt haben, aber Blatter zog einen Zettel mit der Aufschrift Südafrika aus dem Kuvert. (lü, 7.6.2015)

  • Südafrika oder Marokko.
    foto: apa/epa/eddy risch

    Südafrika oder Marokko.

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