Lernen aus dem Fifa-Skandal

Kommentar7. Juni 2015, 20:04
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Was sich Europa bei der Betrugsbekämpfung von den USA abschauen könnte

"Ausgerechnet eine Frau, ausgerechnet eine Amerikanerin", schrieb der "Spiegel" konsterniert in seiner Titelgeschichte, schon vor der Rücktrittsankündigung von Fifa-Präsident Sepp Blatter. Auch auf anderen Kanälen fragten sich viele angesichts des immer weitere Kreise ziehenden Skandals um den wichtigsten Sportverband der Welt, warum erst US-Justizministerin Loretta Lynch kommen musste, um im Fußballgeschäft, das die Europäer als ihre ureigenste Lieblingsbeschäftigung ansehen, aufzuräumen.

Die Antwort ist: Weil sie die Mittel hat – und auch den Willen, diese unbedingt einzusetzen, in typisch US-amerikanischer Rechtstradition. Man kann das, wie der russische Präsident, als unfreundlichen Hegemonialakt ansehen und darüber spekulieren, dass die USA wegen des Ukraine-Konflikts nur zu gern der Russischen Föderation, via WM-Vergabe, am Zeug flicken wollen. Man kann sich auch darüber auslassen, dass, wäre Fußball ein Nationalheiligtum der Stars and Stripes, die Dinge vielleicht anders liefen.

Oder man nimmt zur Kenntnis, dass die USA offenbar nicht gewillt sind, die himmelschreienden Missstände in der Fifa hinzunehmen – selbst wenn oder gerade weil namhafte amerikanische Konzerne mit der Fifa verbandelt sind. Und man kann feststellen, dass Europa, zumindest in dieser Hinsicht, von den USA einiges lernen könnte.

Nicht, dass diese nach dem Antikorruptionsindex von Transparency International insgesamt so vorbildlich wären: Dem aktuellen Ranking zufolge liegen die USA auf dem (ganz guten) 17. Platz – vor Österreich (Rang 23), aber hinter Deutschland (12). Allerdings haben Amerikaner ein anderes Verständnis von Rechtsdurchsetzung. Wenn sie amerikanische Interessen verletzt wähnen, wird alles darangesetzt, die Übeltäter zur Rechenschaft zu ziehen. Dieser unbedingte Wille treibt auch Loretta Lynch, die seit Jahren, als Bundesstaatsanwältin in New York, gegen korrupte Fußballfunktionäre ermittelte.

Grundlage dafür sind der Foreign Corrupt Practices Act (FCPA), den die USA schon 1977 verabschiedet haben, und entsprechende Folgegesetze. Diese verbieten Zahlungen und Wertgeschenke an ausländische staatliche Amtsträger, die den Zweck haben, den Zuschlag für ein Geschäft zu bekommen oder eine Geschäftsbeziehung aufrechtzuerhalten. Und sie begründen einen Gerichtsstand in den USA, wenn auch nur die kleinste Tathandlung via Vereinigte Staaten gesetzt wird. Der FCPA war Vorbild für die Korruptionsbekämpfung in der OECD und letztlich auch für die UN-Konvention gegen Korruption 2003.

Nun mag es absurd erscheinen, dass ein Justizminister eines kleinen europäischen Landes hätte wagen können, sich ernsthaft mit der riesigen, mächtigen Fifa anzulegen. Aber mehrere gemeinsam, womöglich zusammen mit der EU-Betrugsbekämpfungsbehörde Olaf? Denn diese muss eigentlich tätig werden, wenn der Verdacht auf Missbrauch von EU-Mitteln besteht. Da hätte sich vielleicht ein Ansatz finden lassen.

Stattdessen haben Europas Verantwortliche gegenüber der Fifa stets eine gewisse Beißhemmung gezeigt. Weil wahrscheinlich alle in der Fifa gezahlt und genommen haben. Weil alle dachten, das System sei nicht zu knacken. Weil man nicht den unbedingten Willen hatte, das Haus sauber zu halten.

Das "schönste, größte, verführerischste Spiel der ganzen Welt" ("Spiegel") hat großen Schaden genommen. Das muss Konsequenzen haben, auch in der Art, wie Europa Korruption bekämpft. (Petra Stuiber, 7.6.2015)

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