EU kommt mit weniger Großkraftwerken aus

8. Juni 2015, 05:30
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Trotz steigenden Anteils erneuerbarer Energien ist die Versorgungssicherheit in Europa gewährleistet

Berlin/Brüssel/Wien - Eine stärkere energiepolitische Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg könnte Europa bis zu 100 Großkraftwerke ersparen, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden. Das ist das Ergebnis einer breit angelegten Studie, die das Beratungsunternehmen Prognos im Auftrag des Weltenergierats gemacht hat. Dazu müssten aber Engpässe im Leitungsnetz, die es zwischen einzelnen Ländern und Regionen historisch bedingt gibt, beseitigt werden.

"Es ist ein Appell zum Infrastrukturausbau", sagte Carsten Rolle, Geschäftsführer der deutschen Sektion des Weltenergierats, dem STANDARD. Der Appell ziele einerseits auf die Errichtung von Interkonnektoren zwischen den Ländern, andererseits auch auf die Beseitigung von Flaschenhälsen innerhalb nationaler Grenzen. Es sei aber auch ein Plädoyer für eine europaweit stärkere Harmonisierung der Rahmenbedingungen und Spielregeln im Strommarkt. Rolle: "Die Studie zeigt, dass es gemeinsam günstiger und effektiver ist, als wenn jedes Land für sich allein optimiert."

Fluktuierende erneuerbare Energien

Mit den fossilen Energien war die Stromproduktion bisher vergleichsweise einfach planbar. Je höher aber der Anteil erneuerbarer Energien aus Wind und Sonne wird, desto stärker werden die Lastschwankungen im Netz, weil der Wind nicht konstant weht und die Sonne selbst in einer Schönwetterphase mitunter hinter Wolkenbänken verschwindet. Damit trotzdem immer ausreichend Strom zur Verfügung steht, werden zumeist Kohle- oder Gaskraftwerke vorgehalten, die im Bedarfsfall binnen kurzer Zeit Strom produzieren können.

Reservekapazitäten

Ganz ohne Reservekapazitäten wird es selbst in einer Welt ohne Engpass im Stromtransportsystem nicht gehen. Es macht aber einen Unterschied, ob mehrere Dutzend oder mehrere hundert Großkraftwerke nötig sind, um die Versorgungssicherheit hoch und die Ausfallszeiten in der Stromversorgung entsprechend niedrig zu halten. Es geht um vermeidbare Kosten, die von den Haushalten und von der Industrie über die Stromrechnung zu tragen sind. Je größer das Marktgebiet ist, desto mehr gleichen sich Schwankungen sowohl im Stromkonsum als auch in der Produktion von Strom aus erneuerbaren Quellen aus.

Einsparmöglichkeit

Prognos hat anhand einer Fortschreibung von Daten aus den Jahren 2009 bis 2014 mehrere Szenarien für den Weltenergierat gerechnet, dessen Mitglieder große Energieproduzenten und -händler, aber auch Regierungsorgane, Forschungs- und Energieverbraucherorganisationen sind. Unter der Annahme, dass vorhandene Netzengpässe beseitigt werden, könnten in den untersuchten 15 Ländern bis zu 50 Gigawatt (GW) an Reservekapazität eingespart werden. Dies sei aber von vielen Wenn und Aber abhängig; eine Bandbreite von 27 bis 34 GW sei jedoch durchaus realistisch, heißt es in der Studie. 34 GW entsprechen knapp 100 Kraftwerksblöcken à 350 Megawatt (MW); das ist die Leistung, die das von der EVN betriebene Kohlekraftwerk Dürnrohr hat. Der Verbund hat seinen Block (ebenfalls 350 MW), wie berichtet, im Vorjahr stillgelegt.

EU-Energieminister tagen

Der Zeitpunkt, zu dem die Studie öffentlich wird, kommt nicht von ungefähr. Heute, Montag, findet in Luxemburg ein Treffen der EU-Energieminister statt. Die Vertreter von zwölf Ländern wollen dabei eine gemeinsame Erklärung zur regionalen Kooperation im Strombereich unterschreiben. Österreichs Wirtschafts- und Energieminister Reinhold Mitterlehner wird von Staatssekretär Harald Mahrer (beide VP) vertreten. (Günther Strobl, 8.6.2015)

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    foto: dpa/julian stratenschulte:

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