Kodokushi: Der einsame Tod in Japan

8. Juni 2015, 08:00
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Allein in Tokio sterben jährlich rund 3.000 Menschen allein und werden oft erst Wochen oder Monate später entdeckt

Sie sind oft die ersten Besucher seit Wochen: Männer in weißen Schutzoveralls und Atemschutz vor dem Gesicht. Wenn die Arbeiter des Reinigungsunternehmens anrücken, bekommt der Bewohner der Wohnung ihre Anwesenheit nicht mehr mit. Sie sind auf die Reinigung und Entrümpelung von Wohnungen der "einsamen Toten" in Japan spezialisiert. Ein Geschäftszweig, der immer weiter wächst. Je nach Größe der Wohnung kostet die Entfernung des Toten und die Reinigung der Wohnung zwischen 700 und 2800 Euro.

In den Randbezirken im Westen und Osten Tokios ist der Kodokushi, der einsame Tod, Alltag. Dort beträgt der Anteil der über 65-Jährigen oft schon ein Drittel der Bevölkerung. 2012 starben nach Angaben der Stadtregierung 2727 Menschen den einsamen Tod - gegenüber 2009 eine Steigerung um 538 Personen. 1980 lebten noch 53 Prozent der Japaner über 65 Jahre mit ihren Kindern zusammen. 2010 waren es noch 18 Prozent. Bis 2030 wird die Zahl der allein lebenden Senioren nur in Tokio von nun 600.000 auf 900.000 Personen steigen.

Geldprobleme und sozialer Rückzug

Aufsehen erregte in der japanischen Öffentlichkeit der Fall einer 77-jährigen Frau, deren schwerbehinderter Sohn lange in einer Pflegeeinrichtung gelebt hatte. Die Frau war aktiv in der Nachbarschaftsvereinigung ihres Stadtviertels - eigentlich das beste Mittel gegen soziale Vereinsamung. Eines Tages holte sie aber ihren Sohn aus dem Heim nach Hause, zog sich aus der Nachbarschaftsvereinigung zurück und reduzierte zunehmend ihre sozialen Kontakte. Erst Monate nach ihrem Tod wurde ihre Leiche gefunden.

Möglicherweise waren Geldprobleme der Grund für ihren sozialen Rückzug. In Japan schämen sich die Menschen oft, ihnen zustehende - nach europäischen Maßstäben allerdings geringe - finanzielle Hilfe bei den Behörden zu beantragen. Nicht für sich oder die eigene Familie sorgen zu können ist in Japan mit einem Gesichtsverlust verbunden, den es zu vermeiden gilt.

Mangel an Pflegepersonal

Mit ein Grund, warum viele Alte einsam in ihren Wohnungen leben, ist, dass Altersheime lange verpönt waren, da sie als Abschiebeanstalten betrachtet wurden. Jetzt gibt es zu wenig Heime und vor allem auch zu wenig Pflegepersonal. Ansätze, Krankenschwestern aus Indonesien und den Philippinen nach Japan zu holen, kommen nur langsam voran, weil die Gewerkschaft der Krankenschwestern um Arbeitsplätze fürchtet. Das Gesundheitsministerium rechnet 2025 mit einem Fehlbedarf von 300.000 Pflegekräften, 520.000 Menschen dürften dann auf einen Heimplatz warten.

Allerdings gibt es von den Kommunen eingerichtete Hilfsdienste, die die hilfsbedürftigen Alten zu Hause besuchen und waschen, kochen und eine medizinische Grundversorgung leisten. Zur Finanzierung der Hilfsdienste wurde eine Versicherung eingerichtet, in die eigentlich jeder Japaner einzahlen sollte, was aber oft nicht geschieht, weil die Beiträge für die Pflegeversicherung nicht automatisch vom Lohn oder der Pension einbehalten werden.

Engagierte Nächstenliebe

In vielen kleinen Stadtbezirken Tokios und anderer Städte gibt es Ansätze von engagierten Ärzten und Sozialarbeitern und meist älteren Freiwilligen, soziale Strukturen zu schaffen, die die Vereinsamung verhindern sollen. Es gibt Cafés, die Mittagessen ausgeben, oder spezielle Demenz-Cafés.

Fakt ist aber, dass die Kosten für das Sozialsystem bis 2025 um 36 Prozent steigen sollen. Dabei ist Japan das Land mit der höchsten Staatsverschuldung und hat die Kosten für den Wiederaufbau nach dem Tsunami und der Katastrophe von Fukushima zu tragen. So wird für die Versorgung der Menschen ohne große Alterseinkünfte vonseiten des Staates in den nächsten Jahren keine große Hilfe zu erwarten sein. (Siegfried Knittel aus Tokio, 8.6.2015)

  • Ein Reinigungsarbeiter desinfiziert die Wohnung eines 85-jährigen Mannes, der erst nach einem Monat tot in Tokio gefunden wurde.
    foto: reuters/toru hanai

    Ein Reinigungsarbeiter desinfiziert die Wohnung eines 85-jährigen Mannes, der erst nach einem Monat tot in Tokio gefunden wurde.

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