Explosionen, Ebola: Russische Trolle wollen Panik in USA auslösen

7. Juni 2015, 09:28
513 Postings

Gefälschte Berichte auf Twitter und per SMS lanciert, um Einwohner zu verunsichern

Anrainer einer Chemiefabrik im US-Bundesstaat Louisiana dürften am 11. September 2014 einen Schockmoment erlitten haben: Sie bekamen eine SMS zugesandt, die sie über eine gigantische Explosion informierte. Wegen "giftigen Rauchs" sollten sie ihr Wohngebiet verlassen. Auf Twitter fanden sich erste Berichte: Fotos zeigten einen riesigen Feuerball. Manche Nutzer verbreiteten Screenshots der Website von Nachrichtensender CNN, der vermeintlich mit dem "IS-Anschlag" titelte. Doch all diese Dokumente waren gefälscht – und Teil einer hinterlistigen Desinformationskampagne, mit der russische Trolle in den USA für Unruhe sorgen wollen.

Für Unruhe sorgen

Mindestens in drei Fällen hat eine Armada an dubiosen Twitter- und Facebook-Accounts versucht, mit dieser Taktik für Unruhe zu sorgen. Neben der Gasexplosion in Louisiana sind Meldungen über einen Ausbruch von Ebola in der US-amerikanischen Stadt Atlanta und Berichte über Polizeigewalt gegen eine schwarze, unbewaffnete Frau dokumentiert. Dass es sich dabei nicht um das Werk einer kleinen Gruppe von Trollen handelt, die auf Spaß aus sind, wird schnell klar: Hunderte Profile werden koordiniert, sie verfügen über qualitativ hochwertig gefälschte Bilder und Videos.

Spezialeinheit der "Internet Agency"

Ein Reporter der "New York Times" hat die Spur der Infokrieger nun nach Russland verfolgt: Es soll sich um eine Spezialeinheit der berüchtigten "Internet Agency" handeln, die wegen ihrer Troll-Aktivitäten schon mehrfach in den Schlagzeilen war. Ein Indiz dafür ist beispielsweise, dass der Sprecher in den gefälschten Videos auch in anderen Clips vorkommt, die von der "Internet Agency" verbreitet werden. Ebenso passen die Profile in die Strategie der Organisation, die von einem engen Vertrauten des russischen Präsidenten Vladimir Putin finanziert wird.

Spur verfolgt

Über mehrere Monate heftet sich die "New York Times" an die Fersen der gefälschten Accounts: Ihm fällt beispielsweise auf, dass alle an einem Facebook-Event in New York teilnehmen. Dabei handelt es sich um die Vernissage einer Ausstellung, die Fotos von Kriegsreportern aus der Ukraine und Syrien zeigt. Ein Beweis dafür, dass Russland in den USA mit unterschiedlichsten Methoden die öffentliche Meinung zu beeinflussen versucht.

Journalist wird zur Zielscheibe

Als der Journalist in Russland vor Ort Nachforschungen zur "Internet Agency" anstellen will, wird er selbst zur Zielscheibe: Eine ehemalige Mitarbeiterin der Organisation stimmt zu, ihn zu treffen – allerdings nur, wenn sie ihren Bruder mitbringen darf. Schon beim Interview fällt dem NYT-Journalisten auf, dass jener reihenweise Tattoos mit Nazi-Symbolik aufweist. Später findet er heraus, dass es sich gar nicht um den Bruder seiner Gesprächspartnerin, sondern einen berüchtigten Neonazi handelt. Da hat die "Internet Agency" aber schon längst das Netz mit Fotos vom "US-Journalisten, der sich mit Neonazis trifft" geflutet.

FBI ermittelt

Schließlich zeigen die Vorgänge eine neue, furchteinflößende Qualität des Informationskrieges im Netz. Für viele Betroffene dürfte vor allem die Kontaktaufnahme per SMS für einen Schock gesorgt haben. Die US-Bundespolizei FBI ermittelt nun seit über neun Monaten, allerdings kann nicht einmal festgestellt werden, von welcher Nummer diese SMS abgeschickt worden sind. (fsc, 7.6.2015)

  • Mit diesem Bild wollte russische Trolle Einwohner des US-Bundesstaats Louisiana verunsichern
    foto: screenshot

    Mit diesem Bild wollte russische Trolle Einwohner des US-Bundesstaats Louisiana verunsichern

Share if you care.