"Borgen"-Erfinder: "Politik immer mehr von Drehbüchern bestimmt"

7. Juni 2015, 09:24
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Autor von dänischer Politserie wünscht sich mehr Visionen von der echten Politik

Wien - Vor fünf Jahren startete die dänische TV-Serie "Borgen", in der eine Frau als Parteichefin einer kleinen Mitte-links-Partei überraschend zur Premierministerin gewählt wird. Ein Jahr später folgte der Fiktion die Realität - die Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt schaffte den Sprung an die Regierungsspitze. Nun muss sie sich am 18. Juni der Wiederwahl stellen. Ob sie das schafft? Die APA hat "Borgen"-Drehbuchautor Adam Price befragt, der damals auf fast prophetische Art ihren Wahlsieg vorhersagte.

APA: Herr Price, vor fünf Jahren haben sie die Wahl von Thorning-Schmidt praktisch vorweggenommen. Wenn sie nun eine Serie über ihre Regierung schreiben müssten, wie würde es nach der kommenden Parlamentswahl weitergehen?

Price: Das hängt davon ab, wo wir in der Serie stehen. Wir streben ja immer eine möglichst große Dramatik an. Ich würde sie entweder verlieren lassen, sodass sie sich an die Macht zurückkämpfen muss, oder sie wieder an die Regierungsspitze setzen, aber so, dass es extrem schwierig für sie wäre, im Amt zu bleiben.

APA: Die Umfragen sehen große Zugewinne für die rechtspopulistische Dänische Volkspartei voraus. Was bedeutet das ihrer Ansicht nach?

Price: Dies stellt ein sehr interessantes demokratiepolitisches Problem dar. Sie (die Rechtspopulisten, Anm.) haben ja immer wieder gesagt, sie werden an keiner Regierung teilnehmen. Sie bestehen darauf, von hinten die Fäden zu ziehen, außerhalb der Regierungsbüros zu warten und eine Regierung zu steuern, die völlig von ihren Mandaten abhängig ist. Das ist interessant und etwas ziemlich Neues für die dänische Politik.

APA: Die Rechtspopulisten wollen ja ein Referendum über den EU-Austritt, wie es auch Großbritannien plant.

Price: Die Dänische Volkspartei ist sehr effizient darin, auf die Bürokratie in der EU hinzuweisen, und dass die meisten Leute nicht wollen, dass Brüssel entscheidet, welche Gesetze in Dänemark beschlossen werden, und so weiter. Bei der EU-Wahl im Vorjahr hat der Kandidat der Dänischen Volkspartei einen fantastischen Wahlsieg eingefahren, mit einem sehr simplen Slogan: Weniger EU, mehr Dänemark. Das war ziemlich unglaublich. Ich glaube aber nicht, dass die Euroskeptiker in Dänemark so stark sind wie in Großbritannien. Ich denke, die Dänen würden für die EU stimmen, aber nicht mit einer großen Mehrheit. Ich denke, es würde mit 52, 53 oder 55 Prozent für ein Ja ausgehen.

APA: Wenn man "Borgen" ansieht, bekommt man den Eindruck, sie halten es eher mit pragmatischen Politikern als mit stark ideologisch geprägten...

Price: Ich würde sagen, es ist ein Privileg der Parteien an den Ausläufern des politischen Spektrums im Parlament, stark ideologisch zu sein. Das ist auch die Geschichte von Borgen, wo eine Frau, Birgitte Nyborg, die Anführerin einer kleinen Partei ist, die oft im Verhandlungsraum zu Kompromissen Nein gesagt hat. Aber in dem Moment, wo Du Macht hast und wirklich Entscheidungen triffst, beginnt ein anderes Spiel. Dann kannst Du es Dir nicht leisten, extrem ideologisch zu sein, denn dann brauchst Du Resultate.

APA: Lässt das noch Raum für Visionen in der Politik?

Price: Das tut es, ich denke nur, dass wir mehr davon von unseren Politikern verlangen sollten. Eine Sache, die ich wirklich eher verstörend und enttäuschend finde, ist das, wenn man sich die laufende Wahlkampagne ansieht, viel zu viel vorgeschriebene Sätze zu hören sind. Die führenden Politiker unserer großen Parteien sagen drei, vier vorbereitete Sprüche auf. Das ist nicht nur ein dänisches Problem, das gibt es überall. Es scheint, als wird die Welt der Politik immer mehr von Drehbüchern bestimmt, dabei ist Drehbuchschreiben eigentlich meine Aufgabe. (lacht). Sie (die Politiker, Anm.) sollten bei der Ideologie bleiben.

APA: Wie sieht es mit ihrer eigenen politischen Meinung aus?

Price: Ich war nie Mitglied einer Partei. Ich weiß, wo ich politisch stehe, aber ich würde es nie in der Öffentlichkeit sagen, besonders nicht nach "Borgen". Die Leute würden sagen, ach ja, das ist warum er das so geschrieben hat, und das so. Ich bleibe gerne professionell neutral.

APA: "Borgen" wurde nach drei Staffeln und am Höhepunkt seiner Popularität eingestellt. Haben sie das je bereut?

Price: Es war traurig auf eine Art, aber es war auch ein Privileg. Der dänische Rundfunksender DR, der "Borgen" produziert hat, produziert nur wenige Serien, war damit aber in den vergangenen 20 Jahren extrem erfolgreich, sie hatten einen Hit nach dem anderen. (Etwa "Kommissarin Lund" oder "Die Brücke", Anm.) Sie handeln nicht wie ein kommerzieller Sender, der gesagt hätte: Schreib weiter an "Borgen", eine Staffel nach der anderen, denn wir haben international damit Erfolg. DR sagte vielmehr, es war sehr gut, lasst uns aufhören wenn es am Schönsten ist. Auch hatte ich als Autor das Gefühl, nach 30 Folgen, die eine Länge wie 20 Spielfilme hatten, dass ich mit diesen Charakteren an einem Ende angekommen bin. Ich liebte sie, aber es war Zeit, etwas Neues zu machen.

APA: Ihre nächste Serie für das dänische Fernsehen wird "Rides Upon the Storm" heißen, also Reiten auf dem Sturm. Geht es wieder um Politik?

Price: Sie wird von Religion handeln, von Glauben. Mit der Politik war es schon sehr schwierig, es war leicht, jemandem auf die Zehen zu treten, und es ist noch schwieriger, über Religion zu schreiben. Aber das ist eine gute Sache, denn man sollte immer über etwas schreiben, das schwieriger ist als das, worüber man bisher geschrieben hat. Auch ist Religion extrem politisch.

APA: Wird es um den Islam gehen?

Price: Sie handelt im Grunde nicht vom Islam, aber die Geschichte spielt in einem westlichen, christlichen Teil der Welt - Dänemark -, aber auch in anderen Ländern. Und da einer der größten Konflikte unserer Zeit, denke ich, der Kampf zwischen der westlichen, christlichen Gesellschaft und den radikaleren Elementen des Islam ist, müssen wird diese Frage auch ansprechen.

APA: Sie entwickeln in Großbritannien aber auch eine neue politische Serie. Können Sie uns schon etwas darüber verraten?

Price: Sie hat noch kein grünes Licht, darum rede ich so wenig wie möglich darüber. Ich entwickle sie gemeinsam mit Michael Dobbs, der die originale Version von "House of Cards" geschrieben hat (auf dem die US-Serie mit Kevin Spacey beruht, Anm.). Man könnte also sagen, es wird eine Kreuzung aus "House of Cards" und "Borgen". Ich hoffe, sie sagen ja dazu, wenn das Drehbuch endlich fertig ist. Für mich ist es über alles andere wichtig, eine Geschichte zu schreiben, die ich echt glauben kann, die wirklich wahr und beunruhigend, verstörend und immer für mich interessant ist.

Das Interview führte Alexander Fanta/APA.

(APA, 7.6.2015)

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