Hinkend durch das Kriegslabor der Macht

6. Juni 2015, 10:35
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Ivo van Hove und seine "Toneelgroep Amsterdam" kämpften sich im Wiener Museumsquartier auf Einladung der Festwochen tapfer, aber nicht immer glücklich durch Shakespeares Königsdramen

Wien - Die nächste Marathonveranstaltung der Wiener Festwochen namens "Kings of War" führt in einen "war room". Hier, in der Schaltzentrale Merry Old Englands, operieren Shakespeares unglückliche Könige: der fünfte und der sechste Heinrich, gefolgt vom vierten Edward und schließlich vom missgestalteten dritten Richard.

Regisseur Ivo van Hove und seine famose Tonerlgroep Amsterdam holen die blutigen Historien ganz nahe heran an das schreckensstarre Auge. In der Halle E des Museumsquartiers begegnet man Realpolitikern in modischen Anzügen. Die begleitende Kamera bricht sie nur leider häufig auf das Normalmaß von Serienhelden aus dem Bezahlfernsehen herunter. Verloren geht in Rob Klinkenbergs (holländischem) Dramen-Digest die Faszination der Fremdheit, der befremdliche Kitzel durch die Frage nach der Heiligkeit des Amtes.

Gespielt wird mehr als nur untadelig. Der junge Henry V.(Ramsey Nasr) fegt in einem wahren Kriegssturm über Frankreich hinweg. Hinter der Bühne der "offiziellen" Repräsentation liegt ein Labyrinth aus Korridoren und Fluren, in deren sterilem Ambiente Ränke geschmiedet, Tote aufgebahrt und glücklose Prinzen mit Giftspritzen ins Jenseits befördert werden (Bühne: Jan Versweyveld).

Die Geschichte der Rosenkriege und der Fehde zwischen Lancaster und York wird zur rasenden Fahrt in den Abgrund. Auf einen linkisch-biederen Patrioten (Henry V.) folgt ein passiver Heiliger mit dem Charisma eines Landesbediensteten (Eelco Smits als sechster Heinrich). Mit dem Erstarken des Hauses York hinkt ein zerfurchter Psychopath (Hans Kesting als Richard III.) durch das königliche Anwesen voller Perserteppiche und Spiegel. Mit dem Dienstantritt des bürgerlichen Individuums als politischem Massenmörder verliert die - freilich überlange - Inszenierung viel an Schwung und Überzeugungskraft. Die Zuschauer nahmen den Blick in das englische Politiklehrbuch nach Null Uhr dennoch sehr freundlich zur Kenntnis. (Ronald Pohl, 6.6.2015)

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