Türkei: Anschlag überschattet Wahlkampf-Finale

6. Juni 2015, 15:25
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Präsident Erdogan kündigte an, die Sicherheitsvorkehrungen vor der Parlamentswahl am Sonntag zu verschärfen

Diyarbakir - Der Wahlkampf-Endspurt in der Türkei wird von einem tödlichen Anschlag überschattet. Die beiden Explosionen auf einer Wahlkundgebung der Kurdenpartei HDP in Diyarbakir am Vortag seien durch selbst gebastelte Bomben ausgelöst worden, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu am Samstag. Zunächst war die Ursache der Explosionen, durch die zwei Menschen getötet und mehr als 200 verletzt wurden, unklar gewesen. Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigte an, die Sicherheitsvorkehrungen vor der Parlamentswahl am Sonntag zu verschärfen.

Die Bomben detonierten nach Angaben eines britischen Pressefotografen im Abstand von fünf Minuten kurz vor einer Rede von HDP-Chef Selahattin Demirtas in der Stadt im kurdischen Teil der Türkei. Zunächst explodierte ein Mülleimer, danach kam es zu einer Detonation vor einem Transformator. Bei einer der Detonationen sei eine mit Kugellagern, Nägeln und anderen Metallteilen gefüllte Gasflasche in die Luft gegangen, sagte ein Vertreter der Sicherheitsbehörden der Nachrichtenagentur Reuters. Nach der Explosion der Bomben setzte die Polizei Augenzeugen zufolge Wasserwerfer und Tränengas ein, um die aufgebrachte Menschenmenge auseinanderzutreiben.

Erdogan sprach von einer Provokation, mit der die Wahl gestört werden solle, Ministerpräsident Davutoglu von einem Angriff auf die Demokratie. Am Samstag versammelten sich in Diyarbakir Hunderte Menschen zu Protesten und einem Trauerzug. Sie skandierten unter anderem "Erdogan Mörder" und "AKP, Du wirst dafür bezahlen".

Kurden-Partei kommt wichtige Rolle zu

Nach Angaben von Demirtas war seine Partei während des Wahlkampfes mehr als 70 Mal Ziel gewaltsamer Übergriffe. Im vergangenen Monat waren unter anderem bei einem Doppelanschlag im Süden des Landes sechs Menschen verletzt worden. Erdogan hat die Volksdemokratische Partei HDP beschuldigt, ein Auffangbecken für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK zu sein. Die PKK griff 1984 zu den Waffen, führt seit mehr als zwei Jahren aber Friedensgespräche mit der türkischen Regierung.

Die HDP tritt erstmals bei einer Parlamentswahl an. Um in die Volksvertretung einzuziehen, muss die Partei die Zehn-Prozent-Hürde überwinden. Umfragen zufolge stehen die Chancen gut. Von ihrem Abschneiden hängt es unter anderem ab, ob die regierende AK-Partei ihre Mehrheit behaupten oder gar auf eine Zweidrittel-Mehrheit ausbauen kann, wie von Erdogan erhofft. Mit einer Zweidrittel-Mehrheit könnte die AKP allein die Verfassung ändern. (Reuters, 6.6.2015)

  • Eine verletze Frau wird abtransportiert.
    foto: apa/epa/suna

    Eine verletze Frau wird abtransportiert.

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