Finanzeliten und Toleranz-Tröten

6. Juni 2015, 09:09
3 Postings

Gäbe es die "Kronen Zeitung" nicht, man müsste sich glatt Sorgen machen

Gäbe es die "Kronen Zeitung" nicht, man müsste sich glatt Sorgen machen, vor allem in Zeiten, in denen sich sogar das Vertrauen in Banker im Sinkflug befindet. Doch seit das Blatt aus dem freiheitlichen Lager den Wirtschaftsexperten Tassilo Wallentin als Sonntagskolumnisten an sich gebunden hat - Frank Stronach hat ihm Platz gemacht -, geht es mit deren Ansehen wieder steil aufwärts, falls sie sich hinter die Kampagnen des Blattes stellen. Finanzeliten planen die Abschaffung des Bargeldes, hatte Wallentin vor kurzem enthüllt und diagnostiziert: Der psychotische Albtraum vom Überwachungsstaat und gläsernen Menschen nimmt ernsthaft Gestalt an.

Zum Glück gibt es aber nicht nur böse Finanzeliten, sondern auch gute, nämlich ebenjene, die bereit sind, Arm in Arm mit der "Krone" unser Land vor dem psychotischen Albtraum zu bewahren. Am Sonntag durften sie auf Seite 2 im Bild auftreten, bewaffnet mit einer Tafel, auf der geschrieben stand: Wahlfreiheit beim Bezahlen: Unser Bargeld muss bleiben! Letzte Zweifel, wer wieder einmal den Anlauf zur Rettung des Abendlandes genommen hat, beseitigte der Text. Geschlossen hinter die "Krone"-Initiative gegen die Abschaffung des Bargelds haben sich neben Wirtschaftsstaatssekretär Harald Mahrer (Mitte) jetzt die wichtigsten heimischen Bankenmanager gestellt: Franz Rudorfer (WKÖ-Bank), OeNB-Chef Ewald Nowotny, Bank-Austria-Generaldirektor Willibald Cernko, Walther Rothensteiner von der Raiffeisen Zentralbank und Erste-General Andreas Treichl (von links nach rechts).

Wer jetzt noch Angst um seine Cents und Euros hat, dem ist nicht zu helfen, verspricht doch bekanntlich nichts mehr Sicherheit vor psychotischen Albträumen als eine "Krone"-Initiative. Doch nicht genug damit, hatte die bunte "Krone" vom selben Tag einen weiteren Trost für ihre Leserinnen und Leser parat. Tassilo Wallentin traf Ewald Nowotny, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, zu einem Interview über die von vielen Österreichern gewünschte und jetzt veranlasste Rückholung unseres Staatsgoldes. Und das Ergebnis dieses Treffens bestand darin, dass die vielen Österreicher sich bald nicht nur keine Sorgen um ihr Bargeld machen müssen, sondern dass auch unser Staatsgold demnächst in Sicherheit vor dem gierigen Zugriff des Auslandes ist: Die Tresore sind verfügbar, im Sommer kommt der erste Transport. Aus Sicherheitsgründen immer nur in kleinen Einzelgrößen. Und die "Krone" wird Obacht geben, dass keine Unze verloren geht.

Nicht weniger Sorge als um Bargeld und Staatsgold macht sich das Blatt um unsere Beziehungen zu Russland. Seit H.-C. Strache seine Sympathie für Wladimir Putin entdeckt hat, will man da nicht zurückstehen. Als Bild der Woche erschien eine weinende Russin samt einem herzzerreißenden Kommentar über die grausame Kaltherzigkeit, die sich beim Song Contest Bahn gebrochen haben soll.

Gepfiffen aufs Brückenbauen!, so der Titel. "Building Bridges" lautete das rührige Motto des Song Contest. Untermalt von schwulen Ampelmännchen, Liebeserklärungen an Conchita und von gellenden Pfiffen. Die galten der russischen Kandidatin Polina Gagarina, die hervorragende 2. wurde, bei jedem Pfiff zusammenzuckte und am Ende in Tränen ausbrach. Doch was hatte das engelhafte Wesen angestellt, dass es sich solch heftigen Unmut zuzog?

So zarte Worte des Mitleids hatte die "Krone" noch nie auf Lager, wenn es um Russisches ging, und das ist ein gutes Omen für die Zukunft. Was hatte das engelhafte Wesen also angestellt? Nichts, die Sängerin kam nur aus Ansicht einiger, die Brücken nur dann bauen wollen, wenn's ihnen grad passt, aus dem falschen Land. Wenn einer Brücken nur dann bauen will, wenn es ihm passt, und nicht dort, wo sie das Blatt gebaut haben will, hört sich der Spaß auf. Nicht vorzustellen, wenn sie gewonnen hätte und all die Toleranz-Tröten nach Russland hätten fahren können.

Ungerührt blieb die "Krone" hingegen vom Schicksal eines anderen Teilnehmers am Sängerkrieg. Die Story Song-Contest-Star in Hotelsauna begrapscht überließ sie gänzlich dem familiären Ableger "Heute", obwohl es da um deutlich mehr ging als um einige gellende Pfiffe. "Mann griff an mein bestes Stück", schilderte Guy Sebastian (Platz 5 beim ESC) seine Leiden im Saunabereich des Hotels Hilton: "Es war eklig." Wie hätte die "Krone" wohl reagiert, wäre er Russe gewesen? Aber ein Australier ... (Günter Traxler, 6.6.2015)

Share if you care.