Beim Öl geht es mehr denn je um Einfluss, Geld und Macht

5. Juni 2015, 18:04
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Die Strategie der Saudis, mit weit geöffneten Hähnen den Ölpreis zu drücken und damit teureres Schieferöl aus dem Markt zu drängen, zeigt Wirkung

Wien - Anscheinend haben nicht nur Katzen sieben Leben, wie der Volksmund zu wissen glaubt. Auch die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) scheint zumindest ebenso viele Leben zu haben. Oftmals schon totgesagt, hat das Ölkartell selbst politisch schwierigste Phasen wie anno dazumal den Krieg zwischen den Gründungsmitgliedern Iran und Irak überlebt. Das scheint auch für die jüngste Kalamität aus Opec-Sicht, den Generalangriff von außen - Fracking -, zu gelten.

Mit Hydraulic Fracturing, wie das Verfahren zum Aufbrechen von Schiefergestein heißt, ist es vor allem Ölförderfirmen in den USA gelungen, der Opec und insbesondere Saudi-Arabien als deren wichtigstem Player Marktanteile abzuluchsen. Unkonventionell gefördertes Öl war plötzlich King, Fracking Gesprächsthema auf jeder Ölkonferenz und Grund für heftige Diskussionen in vielen einschlägigen Foren. Die Opec, zerstritten im Inneren und geschockt durch die Fracking-Erfolge der Amerikaner, schien auf dem absteigenden Ast, wieder einmal.

Offene Förderhähne

Nun scheint das zwölf Mitglieder zählende Kartell doch wieder am längeren Hebel zu sitzen. Die Strategie, die zur Trendwende geführt hat, ist tatsächlich unkonventionell. Gegen heftigen Widerstand von Ländern wie Iran und Venezuela hat Saudi-Arabien beim Opec-Meeting vorigen November in Wien durchgedrückt, dass trotz des starken Ölpreisverfalls die Förderhähne bis zum Anschlag offen blieben.

Was manche als selbstschädigenden Schritt der Opec werteten, deren allermeisten Mitglieder auf möglichst hohe Einnahmen angewiesen sind, erwies sich letztlich als strategisch genialer Schachzug. Ein Mix aus Überangebot, schwacher Nachfrage und forciertem Ausbau erneuerbarer Energien ließ die Ölpreise zwar zeitweise um mehr als die Hälfte einbrechen; fast noch dramatischer waren die Folgen für Fracking-Firmen, die sich auf das Herauslösen von Kohlenwasserstoffmolekülen aus Schiefergestein spezialisiert haben: Die Zahl der Bohrungen, bei denen Wasser, Sand und Chemikalien mit hohem Druck in das Bohrloch gepresst werden, ging fast ungebremst zurück.

Tiefstände

Was bei Preisen von 100 Dollar und mehr ein äußerst lukratives Geschäft war, rechnete sich bei Preisen unter 50 Dollar kaum mehr. Zwar sind die Ölpreise von ihren im Jänner gesehenen Sechsjahrestiefständen bei etwa 45 Dollar je Fass um rund 40 Prozent auf gut 60 Dollar nach oben gegangen; bei Investitionen in neue Fracking-Projekte sind Ölfirmen bei den augenblicklich gezahlten Preisen aber nach wie vor zurückhaltend. Ganz trauen sie dem zuletzt gesehenen Preisanstieg offenbar doch nicht.

Wenig überraschend also, dass die Opec am Freitag in Wien für eine Fortsetzung der Politik der offenen Förderhähne gestimmt hat. De facto ist es eine Gratwanderung. Die meisten Produzentenländer würden zwar höhere Ölpreise lieber sehen, können mit Preisen um die 60 Dollar aber gerade noch leben. Eine Kürzung der Förderung hätte zur Folge gehabt, dass die Ölpreise mit hoher Wahrscheinlichkeiten weiter nach oben schießen. Damit hätte die Fracking-Industrie in den USA wieder Auftrieb erhalten. Das aber wollten Saudi-Arabien und andere Länder des Ölkartells unter allen Umständen verhindern.

Ölkartell in Doppelmühle

Alles gut also aus Opec-Sicht? Mitnichten. Eine Doppelmühle baut sich auf, die noch heuer zuschnappen könnte. Einmal geht es um den Iran. Gelingt bis Ende Juni eine Einigung im Atomstreit, könnte das Land nach Aufhebung der Sanktionen wieder Öl in großem Stil verkaufen. Wer im Gegenzug auf eigene Ölverkäufe verzichten wird, ist offen. Mehr Öl hieße tiefere Preise, noch weniger Einnahmen für das eine oder andere Opec-Land.

Die andere Gefahr geht für die Opec vom Klimawandel aus, der laut jüngsten Daten schneller vor sich geht als gedacht. Anfang Dezember findet in Paris die Weltklimakonferenz statt, wo Nägel mit Köpfen gemacht werden sollen. Das kann dazu führen, dass dem Verbrennen fossiler Energien ein Riegel vorgeschoben wird. Dann wäre die Opec als Interessenvertretung der erdölproduzierenden Länder tatsächlich obsolet. (Günther Strobl, 5.6.2015)

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