Neue Kämpfe in der Ostukraine: Tschechows Gewehr

Kommentar5. Juni 2015, 17:23
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Es fehlt an Mut und politischem Willen, die "eigene Seite" zu kritisieren

Wenn im ersten Aufzug ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt garantiert abgefeuert, hat der berühmte russische Schriftsteller Anton Tschechow vor 125 Jahren seinen Anspruch an ein gutes Theaterstück formuliert. Diese Formel gilt leider auch für das sich endlos ziehende ukrainische Drama.

Keine der beiden Seiten ist gewillt, die Abrüstung voranzutreiben. Der im Minsker Abkommen geforderte Abzug der schweren Waffen von der Front wurde immer wieder verschleppt und hintergangen. Angesichts des enormen Misstrauens, mit dem einander beide Kriegsparteien begegnen, war es daher nur eine Frage der Zeit, wann es - wie nun im Donezker Vorstädtchen Marjinka - zum großen Knall kommen würde. Zumal die "kleinen" Schießereien auch während des dreimonatigen "Waffenstillstands" nie eingestellt wurden.

In Minsk haben Angela Merkel, François Hollande und Wladimir Putin ihre Unterschriften als Garanten der Feuerpause gegeben. Mechanismen bei einem Verstoß wurden allerdings nicht festgelegt. Und so wurden weder Kiew noch die Separatisten für die zahlreichen Verstöße zur Rechenschaft gezogen. Sowohl im Westen als auch in Russland fehlt es offenbar an Mut und politischem Willen, die "eigene Seite" zu kritisieren und zur Einhaltung des Abkommens zu zwingen. Ohne solchen Druck sind die Unterschriften bei der Friedenskonferenz bald völlig wertlos. (André Ballin, 5.6.2015)

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