Wiener Kongress: Als Wien der Mittelpunkt der Welt war

6. Juni 2015, 18:00
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Zum 200. Jahrestag des Wiener Kongresses, der am 9. Juni 1815 endete, gibt es eine Vielzahl an Büchern. Eine Auswahl, welche empfehlenswert sind.

Das offizielle Österreich hat es verabsäumt, eine große Veranstaltung mit Protagonisten aus den damals beteiligten 200 Staaten und Fürstenhäusern zur Erinnerung an den Wiener Kongress zu organisieren. Schließlich jährt sich zum 200. Mal dieses Ereignis der Neuordnung Europas nach Napoleons Eroberungsfeldzügen. Am 9. Juni 1815 wurde die Schlussakte unterzeichnet, die in der noch bis 21. Juni laufenden Ausstellung zum Kongress im Wiener Belvedere zu sehen ist. Normalerweise wird das österreichische Dokument im Staatsarchiv verwahrt.

Schon seit dem vergangenen Herbst - der Kongress begann im September 1814 und dauerte nicht, wie oft vermutet, nur wenige Wochen - gibt es ein gutes Dutzend Bücher zu diesem Thema. Um mit dem am besten geschriebenen Werk zu beginnen: Der Cambridge-Absolvent David King versteht es, spannend zu erzählen. King hat viel Material eingearbeitet, das sieht man am umfangreichen Quellenverzeichnis.

Geliebte im selben Haus

Anders als bei den Verhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg kamen nicht nur Sieger, auch Verlierer Frankreich war eingebunden. King schildert die handelnden Personen und wer wo untergebracht war. Er baut auch deren Verbindungen zur Damenwelt ein. So besuchten Klemens Fürst von Metternich und der russische Zar Alexander ihre jeweilige Geliebte im selben Haus.

Der US-Historiker verliert sich aber nicht in Klatsch und Tratsch, sondern geht auf die historischen Hintergründe dieser Zeit ein. Er arbeitet die Einzigartigkeit dieser spektakulären Friedenskonferenz heraus, die nach sechs Monaten Verhandlungen durch Napoleons Flucht von der Insel Elba eine Beschleunigung und einen Abschluss fand.

Opulente Gestaltung

Was King mit Worten beschreibt, wird in einem opulent gestalteten Band durch eine Vielzahl an Abbildungen besser sichtbar: Die kundigen Herausgeber Thomas Just, Wolfgang Maderthaner und Helene Maimann haben nicht nur Beiträge renommierter Autoren und Historiker in dem Buch versammelt. Der Mehrwert liegt vor allem im Abdruck zahlreicher Dokumente und Bilder, die sehr anschaulich die Darlegungen begleiten.

Anhand der seitenlangen Auflistung der "Hofwirtschaftsauslagen" kann man sich ein gutes Bild davon machen, was alleine eines der zahlreichen Bankette gekostet hat. Kaiser Franz I. wollte als guter Gastgeber dastehen und gab Unsummen für die vielen Veranstaltungen aus.

Dass sich die Kongressteilnehmer Vergnügungen aller Art widmeten, war nicht zuletzt durch ein dem Fürsten Ligne zugeschriebenes Bonmot - "Der Kongress bewegt sich nicht, er tanzt" - bekannt. Ligne starb übrigens während des Kongresses. Welche Spiele besonders beliebt waren, zeigt Ernst Strouhal, Autor der Schachkolumnen im Standard, auf. Auch die damalige Mode wird analysiert.

Verena Moritz und Hannes Leidinger, der sein eigenes Buch "Trügerischer Glanz. Der Wiener Kongress" erst am 17. Juni vorstellt, zeichnen die Methoden der Überwachung nach, die Metternich während des Kongresses perfektionierte. Das sogenannte Abhörkammerl über dem Kongresssaal im heutigen Bundeskanzleramt existiert noch immer. Man kann sich selbst davon überzeugen, dass man im Stock darüber alles hört, die Gespräche dringen durch die Lüftungsgitter nach oben. Damals saßen dort Schreiber, die jedes Wort protokollierten.

Gewichtiger Band

Der Nachteil dieser umfassenden Darstellung ist, dass das gewichtige Werk nicht als Lektüre vor dem Einschlafen oder im Urlaub taugt. Dazu ist der 447 Seiten umfassende großformatige Band schlicht zu schwer. Die aufwendige Gestaltung macht dieses Buch jedoch besonders.

Vom Format her kleiner ist Adam Zamoyskis Arbeit. Aber sie ist mit vielen - zu vielen - Details versehen. Selbst wer in das Thema eingelesen ist, kann dem Beschriebenen kaum folgen. Das ist schade, zumal dem Historiker mit dem Buch "1815" eine gut lesbare Darstellung eines Schlüsseljahrs der Geschichte gelungen ist.

Vor allem auf einen Aspekt beschränkt sich Hazel Rosenstrauch, wie ihr Titel "Congress mit Damen" (Czernin) verrät. Da die Autorin auch eigene Befindlichkeiten einfließen lässt, ist nicht ganz klar, was das Buch sein will: historische Darstellung oder Betrachtungen zum Feminismus.

Ergebnisse hat der Kongress trotz aller Vergnügungen erbracht: Neben neuen Grenzen wurde auch die Neutralität der Schweiz garantiert, die Freiheit der Meere proklamiert, der diplomatische Verkehr geregelt, Kunstwerke restituiert und erstmals über die Abschaffung der Sklaverei gesprochen. Welche Lehren man für die heutige Zeit ziehen kann, ist Thema einer für alle zugänglichen Veranstaltung im Gartenpalais Liechtenstein an diesem Sonntag (ab 15.30 Uhr) und Montag (ab 9 Uhr). Dabei werden unter anderen der ehemalige EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Historiker wie Herold James und Manfried Rauchensteiner ihre Sicht auf das historische Weltereignis präsentieren. (Alexandra Föderl-Schmid, Album, 6.6.2015)

  • David King, Wien 1814. Von Kaisern, Königen und dem Kongress, der Europa  neu erfand, € 30,90 / 512 Seiten. Piper-Verlag, München 2014
    cover: piper

    David King, Wien 1814. Von Kaisern, Königen und dem Kongress, der Europa neu erfand, € 30,90 / 512 Seiten. Piper-Verlag, München 2014

  • Thomas Just, Wolfgang Maderthaner, Helene Maimann (Hg.), Der Wiener  Kongress, € 90,- / 448 Seiten. Gerold-Verlag, Wien 2014
    cover: gerold-verlag

    Thomas Just, Wolfgang Maderthaner, Helene Maimann (Hg.), Der Wiener Kongress, € 90,- / 448 Seiten. Gerold-Verlag, Wien 2014

  • Adam  Zamoyski, 1815. Napoleons Sturz und der Wiener Kongress, € 30,80 /  704 Seiten. C. H. Beck, München 2014
    cover: c. h. beck

    Adam Zamoyski, 1815. Napoleons Sturz und der Wiener Kongress, € 30,80 / 704 Seiten. C. H. Beck, München 2014

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