Die Armen gegen Piketty

Kommentar der anderen5. Juni 2015, 17:16
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Es macht keinen Sinn, für Europa gültige Modelle über Entwicklungsländer zu stülpen. Das Problem vieler Menschen dort ist nicht zu viel Kapitalismus, sondern ein eklatanter Mangel daran: Die Armen kommen gar nicht in die Lage, Kapital aufzubauen

Mit seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert hat Thomas Piketty weltweit Aufmerksamkeit erregt. Nicht weil er darin gegen Ungleichheit zu Felde zieht - das tun viele von uns -, sondern wegen dessen zentraler These, die auf seiner Analyse des 19. und 20. Jahrhunderts beruht: Kapital produziere "automatisch willkürliche und unhaltbare Ungleichheiten", die unweigerlich Armut, Gewalt und Kriege zur Folge hätten - auch im aktuellen Jahrhundert noch.

Sinnlose Statistiken

Wie viele westliche Akademiker mit begrenztem Budget macht sich Thomas Piketty, wenn er sich schlechten und sinnlosen Statistiken aus nichtwestlichen Ländern gegenübersieht, nicht etwa auf den Weg, um eigene Daten zu sammeln. Um zu weltweit gültigen Schlussfolgerungen zu kommen, nimmt er stattdessen aus Europa stammende Kategorien und statistische Indikatoren und rechnet sie auf diese Länder hoch. Mit seinem universellen Gesetz ignoriert er aber die Tatsache, dass 90 Prozent der Weltbevölkerung in Entwicklungsländern und früheren Sowjetstaaten leben, deren Bewohner im informellen Sektor arbeiten und Kapital halten - also außerhalb der offiziellen Statistiken.

Im Auftrag des ägyptischen Finanzministers hat mein Team zusammen mit 120 anderen, meist ägyptischen Forschern nicht nur offizielle Unterlagen ausgewertet, sondern auch vor Ort lokale Informationen gesammelt. Die Mitarbeiter gingen von Tür zu Tür, um Daten zu bekommen, mit denen die Regierung ihre konventionellen Statistiken auf Korrektheit und Vollständigkeit prüfen kann. Dabei haben wir festgestellt, dass 47 Prozent der sogenann- ten "Jahresarbeitseinkommen" in Ägypten in Wirklichkeit aus "Kapital" stammen.

Immobilienkapital

Die fast 22,5 Millionen Arbeiter im Land verdienten zusammen nicht nur 20 Milliarden Dollar an Löhnen, sondern zusätzlich noch einmal 18 Milliarden Dollar in Form von Renditen auf ihr nicht erfasstes Kapital. Wie unsere Studie zeigt, besitzen ägyptische "Arbeiter" Immobilien im Wert von geschätzten 360 Milliarden Dollar - achtmal so viel wie sämtliche ausländischen Direktinvestitionen in Ägypten seit Napoleons Invasion.

Piketty warnt vor zukünftigen Kriegen und legt nahe, dass sie die Form einer Rebellion gegen die Ungerechtigkeiten des Kapitals annehmen werden. Vielleicht hat er nicht bemerkt, dass Kriege um Kapital direkt vor der Nase Europas im Nahen Osten und Nordafrika (MENA) schon begonnen haben.

Arabischer Frühling

Der Arabische Frühling wurde ausgelöst durch die Selbstverbrennung von Mohammed Bouazizi in der früheren französischen Kolonie Tunesien im Dezember 2010. Weil offizielle eurozentrische Statistiken alle Menschen als "arbeitslos" klassifizieren, die nicht bei offiziell angemeldeten Firmen arbeiten, war es keine Überraschung, dass die meisten Beobachter Bouazizi schnell als "Arbeitslosen" bezeichneten. Diese Kategorisierung lässt allerdings außer Acht, dass er gar kein Arbeiter war, sondern ein Geschäftsmann seit dem Alter von zwölf Jahren, der dringend mehr Kapital wollte.

Und dabei war er nicht allein. Wie wir festgestellt haben, folgten in der MENA-Region innerhalb von zwei Monaten nach Bouazizis Freitod 63 andere Unternehmer seinem Beispiel und versuchten ebenfalls, sich öffentlich zu verbrennen. In der Folge strömten Millionen Araber auf die Straßen und stürzten innerhalb kurzer Zeit vier Regierungen.

Ungefähr 300 Millionen Araber leben in denselben Umständen wie diese Unternehmer, die versucht haben, sich zu verbrennen. Wir können von ihnen mehrere Dinge lernen.

Vier Punkte

  • Erstens ist nicht Kapital die Wurzel von Armut und Gewalt, sondern der Mangel daran. Die schlimmste Ungleichheit besteht darin, kein Kapital zu haben.
  • Zweitens sind für die meisten von uns, die nicht im Westen leben und deshalb keine Gefangenen europäischer Kategorisierungen sind, Kapital und Arbeit keine natürlichen Feinde, sondern ineinandergreifende Facetten eines Kontinuums.
  • Drittens entstehen die bedeutendsten Hindernisse für die Entwicklung von Armen durch den Mangel an Möglichkeiten, Kapital aufzubauen und zu schützen.
  • Und viertens ist die Bereitschaft, sich den Autoritäten entgegenzustellen, keine exklusiv westliche Eigenschaft. Bouazizi und alle anderen Selbstverbrenner sind Charlie Hebdo.

Ich stimme Piketty uneingeschränkt zu, wenn er sagt, dass der Kern der seit 2008 schwelenden europäischen Krise in mangelnder Transparenz liegt. Anderer Meinung bin ich jedoch, wenn es um die von ihm vorgeschlagene Lösung geht: Er will ein riesiges Register - ein "Finanzkataster" - schaffen, in dem sämtliche Finanzpapiere erfasst sind. Das ist jedoch sinnlos, denn das Problem besteht darin, dass europäische Banken und Kapitalmärkte voll von dem sind, was Marx und Jefferson als "fiktives" Kapital oder Papier bezeichnet haben, das nicht mehr für echten Wert steht.

Kataster der Realität

Wie also ließe sich ein Kataster der Realität statt eines der Fiktion anlegen? Ausgerechnet Frankreich liefert hier die Antwort - mit seinen vor, während und nach der Französischen Revolution entwickelten Systemen zur Erfassung von Eigentum: In regelgebundenen und öffentlich zugänglichen Registern werden statt Finanzinformationen Vermögensinformationen erfasst. Niemand kann es sich leisten, über das Volumen des eigenen Kapitals falsche Angaben zu machen, denn dann würde er es verlieren.

Am rechten Fleck

Piketty hat das Herz am rechten Fleck, aber seine Akten stehen in den falschen Archiven. Im Westen sind das Thema des 21. Jahrhunderts wertlose Papiere, überall sonst sind es papierlose Werte. (Hernando de Soto, 5.6.2015)

Hernando de Soto (Jahrgang 1941) ist Präsident des Institute for Liberty and Democracy in Lima, Peru, und Autor von "The Mystery of Capital". Der in Peru geborene und in Genf ausgebildete Ökonom und Wirtschaftsberater sieht insbesondere in der informellen Wirtschaft ein Hemmnis für die Entwicklung unterentwickelter Länder und fordert eine verstärkte Institutionalisierung von Eigentum.

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