Papst Franziskus besucht Sarajevo

6. Juni 2015, 09:00
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Papst trifft auf die Vertreter von vier Religionsgruppen. Intellektuelle kritisieren den Nationalismus in der katholischen Kirche in Bosnien-Herzegowina

Normalerweise sind die Bosnier, wenn es um Devotionalien geht, eher fußballnarrisch. Doch nun gibt es Papst-T-Shirts, Papst-Feuerzeuge und Papst-Häferln. Und auch das Fußballstadion in Kosevo wurde zum Papst-Besuch-Stadion umgestaltet. Am Samstag werden zehntausende Besucher erwartet, wenn Franziskus bei seiner dritten Europa-Reise die bosnische Hauptstadt besucht. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch, wer etwa die Fenster offen hält, darf Polizeibesuch erwarten.

In einer Aussendung vor dem Besuch zeigte der Papst Unterstützung und Ermutigung für "ein friedvolles Zusammenleben" in dem multiethnischen Balkanstaat. Interessant ist, dass der Papst nach dem Besuch in Albanien nun das zweite europäische Land mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung besucht, das auch sehr arm ist und an der Peripherie liegt. Höhepunkt des Besuchs ist das Zusammentreffen mit Vertretern der katholischen, orthodoxen, muslimischen und jüdischen Glaubensgemeinschaft.

Etwa zehn bis 15 Prozent der Bosnier sind Katholiken, viele von ihnen haben im oder nach dem Krieg das Land verlassen. Franziskus soll die bosnischen Katholiken laut der Ankündigung auffordern, zu bleiben und zur Bildung einer Gesellschaft beizutragen, die zu gegenseitiger Kooperation hinführt. In Bosnien-Herzegowina definieren sich praktisch alle Katholiken als Kroaten und umgekehrt. Die Religion wurde durch die Politik "ethnisiert". Dass der Papst aber nicht Mostar besucht, wo die meisten Kroaten leben, sondern das mehrheitlich muslimische Sarajevo, ist bereits ein Signal für Multikulturalität.

"Der Papst will auch sagen, dass man Christentum und Katholizität nicht auf eine Nation (in diesem Fall die kroatische) oder ein Territorium (Herzegowina) begrenzen darf und kann", sagt der Direktor des multireligiösen und interkulturellen Zentrums Drago Bojic zum Standard. "Nationalismus ist das größte Problem der katholischen Kirche in Bosnien-Herzegowina und in Kroatien."

Tatsächlich fokussiert sich die kroatisch-nationalistische Partei HDZ seit Jahren auf die herzegowinischen Kroaten und vernachlässigt jene in Bosnien. Die HDZ tritt für eine eigene Entität, also einen dritten Landesteil in der Herzegowina ein, um den nationalistische Kroaten bereits im Krieg (1992-1995) gekämpft haben.

Brief von 20 Intellektuellen

Anfang Mai schrieben 20 bosnische Intellektuelle dem Papst einen Brief, in dem sie darauf hinwiesen, dass einige Politiker, die ihn in Sarajevo willkommen heißen werden, Kriegsverbrecher unterstützen. HDZ-Chef Dragan Covic etwa empfing im Vorjahr Dario Kordic, der wegen der politischen Verantwortung für das Massaker von Ahmici, bei dem 1993 etwa 120 Muslime von kroatischen Einheiten ermordet wurden, zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war.

Kordic durfte nach der Entlassung sogar vom Altar herunter sprechen. Auch der Franziskaner-Provinzial Miljenko Steko unterstützte den Verbrecher. "Da gab es kein einziges Wort der Reue, weder Katharsis noch der so dringend benötigte Gesinnungswandel", kritisieren die Intellektuellen, unter ihnen die Gewinnerin des Goldenen Bären, Jasmila Zbanic und der Schriftsteller Sasa Stanisic. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 6.6.2015)

  • "Der Friede sei mit Euch!": Der Papst  ermutigt zu einer kooperativen Gesellschaft. 5000 Polizisten sorgen für  die Sicherheit. Zuletzt hatte Johannes Paul II. 1997 die bosnische  Hauptstadt besucht.
    foto: reuters/dado ruvic

    "Der Friede sei mit Euch!": Der Papst ermutigt zu einer kooperativen Gesellschaft. 5000 Polizisten sorgen für die Sicherheit. Zuletzt hatte Johannes Paul II. 1997 die bosnische Hauptstadt besucht.

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