"Ajax & Little Iliad": Theaterspielen mit Tonklumpen

5. Juni 2015, 17:06
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Das Stück des kanadischen Autors und Darstellers Evan Webber will mit Mythen den Krieg erklären

Wien - Panzer, Granaten, Maschinengewehre und Drohnen. Oder Schwert, Pferd, Pfeil und Bogen. An der Art der Waffen hat sich über die Jahrtausende viel geändert. Eines aber ist gleich geblieben: der emotionale Stress der Beteiligten. Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) heißt es heute, wenn Soldaten heimkehren und keine Ruhe finden.

Die US-Armee hat dagegen ein auf den ersten Blick überraschendes Mittel gefunden: Theater spielen. Und zwar Ajax und Philoktet des Tragödiendichters Sophokles. Das ist aber weniger verwunderlich, als es klingt, denn schon zur Zeit ihrer Entstehung sollten antike Dramen Kriegern beim Umgang mit Traumata helfen.

Zwischen Eh und Heute

Von diesem "Theater of war" hat sich der kanadische Autor und Darsteller Evan Webber zu Ajax & Little Iliad inspirieren lassen, das 2012 uraufgeführt wurde und im Rahmen der Festwochen im Wiener Schauspielhaus gastiert. Vor dem Hintergrund der antiken Stoffe zum Kampf um Troja fragt er darin nach dem Wesen von Krieg und nach Gründen zum Einrücken.

Zu Brücken in die griechische Antike werden neben den Sagen auch kleine, aus weißem Ton geknetete und mittels Videoprojektionen "belebte" Skulpturen. Denn, so die ästhetische und programmatische Aufklärung, Figuren in Stücken sind Projektionsflächen. In diesem Fall für Thom, der im Begriff ist, nach Afghanistan in den Krieg zu ziehen. Evan versucht, ihn mittels einer gemeinsamen Nacherzählung der Kleinen Ilias als Verschränkung von Eh und Heute davon abzuhalten. Doch die Reflexionsebene, die er auf diese Weise in das Gespräch einziehen will, ist vergebens.

Weil Webber und Regisseur Frank Cox-O'Connell das Bestreben, neue Technologien auf die Bühne zu bringen, teilen, geschieht das alles als Skype-Telefonat. Den Zuschauern setzt man, um das real-virtuell gemischte Doppel mitzuverfolgen, Kopfhörer auf.

... der Krieg war in der Pause

Nach der Pause haben sich die Verhältnisse gewandelt. Als stiller Chor sitzt das Publikum nun auf der Bühne. Im Zuschauerraum nehmen dafür zwei Darsteller in Tuniken ihre Plätze ein. Sie entpuppen sich als wortreich kommentierende antike Theatergänger in einem Spiel um König Ajax, der sich, nach dem Trojanischen Krieg wahnsinnig geworden, in sein Schwert stürzt. Und sie sind Zeugen der Geburt der Idee der Katharsis durch Kunst - die kleine PTBS-Therapie für jedermann.

Trotz allen Rüttelns am Rahmen des Theatralen bleibt die Inszenierung doch konventionell. Kopfhörer, Masken, Stimmverfremdung und Pausenbier - das sind bloß Effekte, Spielereien. Zu einem Erkenntnisgewinn führen sie nicht. Und die antike Metaebene kann wohl nur denjenigen weiterhelfen, die um ihre Details wissen. Alle anderen müssen halt glauben. Ergebnis dessen ist eine eher hemmende Distanzierung von der Erzählung denn ein Mit- und Einfühlen im Sinn des antiken eleos. Befriedigung bringt das nicht, zumindest aber Abwechslung. (Michael Wurmitzer, 5.6.2015)

  • Evan Webber und sein Freund Thom (als Projektion). Skype und Beleuchtungseffekte kommen in der Inszenierung von Frank Cox-O'Connell nicht zu kurz.
    foto: trevor schwellnus

    Evan Webber und sein Freund Thom (als Projektion). Skype und Beleuchtungseffekte kommen in der Inszenierung von Frank Cox-O'Connell nicht zu kurz.

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