Zürich West: Phönix aus der Fabriksasche

9. Juni 2015, 05:30
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In Zürich erfindet sich das ehemalige Industriequartier im Westen neu. In der Alten Gießerei wird gegessen, im Schiffbau Theater gespielt. Toll auch: der "Freitag"-Tower

Brach liegende Industrieareale lösen beim Dienstleistungsmenschen der Gegenwart Hochgefühle aus (bei Architekten sowieso). Die geschichtsträchtigen, kraftstrotzenden Fabrikslandschaften sind von zwei Jahrhunderten "harter, ehrlicher Knochenarbeit" beseelt, die es heutzutage kaum noch gibt. Analoge Maschinen und ihre zugehörigen Betriebsstandorte sind im Digitalzeitalter ein Fall fürs Museum. Von der "Manufactum"-Aura des schweißtreibenden echten Werktages lebt zum Beispiel die Bedeutung und Hipness des New Yorker Meatpacking Districts, dem ehemaligen Schlachthof- und Fleischerviertel in Midtown Manhattan. So etwas Ähnliches hat nun die Schweizer Metropole mit dem umstrukturierten Stadtteil Zürich West vor.

Die geschichtsträchtigen, kraftstrotzenden Fabrikslandschaften in Zürich West sind von zwei Jahrhunderten "harter, ehrlicher Knochenarbeit" beseelt, die es heutzutage kaum noch gibt. Im Bild: Die "Rote Fabrik".

Den wachsenden Bezirk durchziehen schmucke und belebte Viaduktbögen, die zwar nicht wirklich an die New Yorker Highline erinnern, die aber dem Flair des Industrieschicks zuträglich sind. Designer- und Bioläden wechseln dort einander ab. Dazwischen ein Kindergarten. Dahinter die Josefswiese mit Schwarzföhren, die dem Nachwuchs der in den angrenzenden ehemaligen Arbeitersiedlungsbauten wohnenden Jungeltern Raum zum Spielen gibt. Diese Wohnungen sind noch leistbar, meint die Stadtführerin. Umgerechnet nur 850 Euro.

Theater in der Schiffbauhalle

Das kann man von den Neubauten in Zürich West beileibe nicht behaupten. Glastürme gibt es da, die Hotel- und Wohnungsetagen kombinieren. Die Eigenheime liegen oben, Kategorie unbezahlbar. Viel Beton, Glas und Asphalt hat der Stadtteil in den letzten Jahren verpasst bekommen. Einige "Landmarks" sind schon länger hier etabliert, wie etwa die in Theaterkreisen populäre Schiffbauhalle, die seit dem Jahr 2000 als Spielstätte des Schauspielhauses Zürich dient. Ein Besuch des imposanten Foyers (Ortner & Ortner) mit seinem verglasten Restaurant ist auch ohne Theaterbesuch die Anfahrt wert. Einen Jazzclub gibt es ebenfalls.

Einige Landmarks sind hier schon etabliert, wie etwa die Schiffbauhalle, die seit dem Jahr 2000 als Spielstätte des Schauspielhauses Zürich dient.

Oder die alte Gießereihalle der ehemaligen Maschinenbaufirma Escher Wyss. Das denkmalgeschützte, heute ummantelte Bauwerk beherbergt Geschäfte, Fitnessstudios, Weiterbildungsinstitute, Seniorentreffs usw., alles, was ein anspruchsvoller Urbanist heutzutage in seiner Nähe wissen will. Ein aus so vertrauenswürdigen Materialen gebautes "Geschäftszentrum" würde man sich an vielen städtischen Plätzen wünschen. Die großen Metallnieten des alten, originalen Gebäudeskeletts blinken einen in der Halle stehend an, als befände man sich in einer Kathedrale. Hier ist man New York vielleicht am nächsten, bei weniger Andrang.

Birke – ein Industriegewächs

In einem Nachbargebäude (allesamt Nachfolgebauten am ehemaligen Escher-Wyss-Gelände) sind Start-up-Unternehmen einquartiert. Viele, noch zarte Birken ("Industriegewächse!", wie die Stadtführerin den Symbolgehalt der Bepflanzung hervorhebt) lassen am Turbinenplatz davor der Natur ein wenig Raum. In einem Biotop mutiert der Schleim wild vor sich hin. Am Wasserturm nisten Falken.

In Zürich West steht auch der "Freitag"-Tower, der Hauptsitz der gleichnamigen Planentaschenfirma. Mit seinen roh aufeinandergestapelten, verschiedenfarbigen Baucontainern unterscheidet sich dieser Turm außerordentlich von den üblichen glatt blinkenden Wolkenkratzern. Das simple Schachtelprinzip setzt sich innen fort: Tausende Boxen lagern bis hinauf in den obersten Container Kante an Kante gestapelt. Und gut gelaunte Mitarbeiter laufen treppauf und -ab, um das richtige Taschenmodell ausfindig zu machen. Sofern man genug Schweizer Franken locker hat.

foto: margarete affenzeller
In Zürich West steht auch der "Freitag"-Tower, der Hauptsitz der gleichnamigen Planentaschenfirma. Mit seinen aufeinandergestapelten Baucontainern unterscheidet sich dieser Turm außerordentlich von den üblichen glatt blinkenden Wolkenkratzern.

Gleich daneben, am Fuß des Prime Tower (früher der Sitz der Zahnradfabrik Maag, heute der mit 126 Metern höchste Turm der Schweiz), breitet sich das Stadtgartenprojekt "Frau Gerolds Garten" aus. Ein Urban-Gardening-Areal mit sympathischerweise ausreichend vielen Hollywoodschaukeln. Hier wird zwischen den dicht bewucherten Hochbeeten gegessen oder gefläzt. Im Winter gibt’s hier regelmäßig Fondue im Zelt.

Am Fuß des Prime Tower (früher der Sitz der Zahnradfabrik Maag, heute der mit 126 Metern höchste Turm der Schweiz), breitet sich das Stadtgartenprojekt "Frau Gerolds Garten" aus.

Am Gelände des Sheraton Hotels blühten vor zwei Jahren noch Schrebergärten. Und am Areal der Toni-Molkerei steht nun hinter einer irisierenden Fassade die Hochschule der Künste mit dem Museum für Gestaltung. Die Fläche des Bezirks ist groß, die Menschen verlaufen sich. Aber abends findet man in der Pfingstweidstraße dann das Studentenvolk eng beieinander in Hinterhofbars mit Livemusik.

Nach wenigen Straßenbahnstationen ist man von Zürich West im Zentrum der 405.000 Einwohner zählenden Stadt. Diesseits der Limmat lohnt sich ein Spaziergang durch die Altstadtgässchen hinauf zur Aussichtsplattform am Lindenhof. Da erspäht man dann jenes Zürich, das man vielleicht schon kannte: die Alpenkette, die ETH Zürich (Eidgenössische Technische Hochschule), die Gemüsebrücke, den Zürichsee. (Margarete Affenzeller, 6.6.2015)

Service:

Anreise: zum Beispiel mit Swiss International Airlines mehrmals täglich direkt von Wien nach Zürich oder mit den Österreichischen Bundesbahnen

Informationen: Beratung und Buchung bei Schweiz Tourismus 00800/ 100 200 30 (kostenlos), info@myswitzerland.com oder MySwitzerland.com

Unterkunft: Sheraton Zürich Hotel, im Stadtteil Zürich West, Pfingstweidstraße 100, +41 44 285 40 00.

Restauranttipp: Fischers Fritz, direkt am Ostufer des Zürichsees gelegen, Seestraße 559

Reisen innerhalb der Schweiz: mit dem Swiss Travel Pass, Informationen dazu unter www.swisstravelsystem.com

Die Reise erfolgte auf Einladung von Schweiz Tourismus.

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