Ein Leben mit einer narzisstischen Mutter

Kolumne7. Juni 2015, 17:00
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Mit Kindern gemeinsam wachsen oder: Wie Sie sich über alte Muster hinwegsetzen

Ich bin eine Mutter von drei Kindern im Alter von vier und drei Jahren und sechs Monaten und erlebe große Herausforderungen. Mein Mann reist durch seinen Job viel. Oft ist er wochenlang weg und dann wieder drei, vier Wochen am Stück zu Hause. Was wir erleben, ist, was andere Eltern auch kennen: manchmal Stress, aber auch genug Zeit für gemeinsame Aktivitäten. Was mich stört, ist, dass ich jeden Tag mit der guten Absicht beginne, nicht an den Kindern zu nörgeln, zu schreien oder mit ihnen zu streiten. Fast jede Nacht gehe ich mit dem Gefühl ins Bett, dass es mir nicht gelungen ist.

Es kommt auch vor, dass mein Mann und ich streiten und uns nicht einig sind. Dann bin ich frustriert und ich sorge mich um das Wohlergehen unserer Kinder. Wenn all das zu weit geht, werde ich wütend. Ich schicke die Kinder in ihr Zimmer, was sie natürlich nicht wollen. Manchmal halte ich sie am Arm fest, sodass sie nicht weglaufen können, und kneife sie. Sofort kommt dann in mir das Gefühl hoch, dass ich ihnen damit schade. Ich will sie nicht verletzen, und es tut mir leid, dass ich nicht sofort damit aufhören kann. Ich bin sehr temperamentvoll. Wenn ich verbergen muss, wie es mir wirklich geht, fühle ich mich schlecht. Das ist natürlich keine Entschuldigung dafür, Kindern wehzutun.

Eine typische Situation, in der ich leicht die Geduld verliere, ist, wenn unser Vierjähriger am Morgen Gefühlsausbrüche bekommt, weil er nichts anziehen möchte. Ich beginne zu nörgeln und zu drohen. Das macht letztlich alles noch schlimmer. Seine Wutausbrüche erinnern mich dann natürlich auch an mich selbst.

Leichter ist es, sobald mein Mann zu Hause ist. Ich habe mehr Energie, und die Kinder sind auch etwas ruhiger.

Es nagt an mir, dass ich schnell wütend werde. So eine Mutter möchte ich nicht sein. Allein die Vorstellung, dass das meinen Kindern schaden könnte. Ich selbst bin so aufgewachsen. Ich mag es, meine Kinder zu umarmen und ihnen zu sagen, wie gut sie riechen und wie sehr ich sie liebe. Wir unternehmen auch viel miteinander und haben Spaß. Ich hätte nie gedacht, dass es so schwer und doch so wunderbar ist, Mutter zu sein.

Ich glaube, ich selbst habe das Schlimmste überstanden, und fühle auch das Gute in mir. Trotzdem hätte ich gerne ein paar "Werkzeuge", um die "schlimmen" Situationen besser verhindern zu können. Können Sie mir und damit auch meinen Kindern helfen?

Antwort:

Vielen Dank für Ihr Schreiben, das nicht nur schön, sondern sozusagen auch ein "neuer Klassiker" ist. Nämlich in dem Sinne, dass Sie eine Situation vieler Eltern beschreiben.

Sie haben Ihren eigenen Hintergrund, auf den ich später zurückkommen werde, aber in erster Linie sind Sie ein "Mutterunternehmen der heutigen Zeit".

Das heißt, dass Sie und Ihre Kinder in einer Art Wertechaos leben, wo Ihr Handeln im einen Moment von dem Wunsch, eine moderne, respektvolle Mutter zu sein, diktiert wird und Sie im nächsten Moment – meist in einem Konflikt – instinktiv zurück in die Schublade der altmodischen Methoden greifen, die durch die eigene Erziehung verwurzelt wurden.

Sie wissen, was es bedeutet, die Mutter zu sein, die Sie sind. Es ist nicht so schwierig, sich vorzustellen, wie unsicher und verwirrt Ihre Kinder sind. Glücklicherweise ist Ihre Bereitschaft, sie zu respektieren und die Verantwortung für Ihre Fehler zu übernehmen, so gesund, dass Sie wissen, wie Sie damit umgehen können, wenn die (elterliche) Führung etwas unklar erscheint und nicht im Einklang mit Ihren eigenen Werten steht. Es ist unvermeidlich, dass Kinder bei unklarer Führung einen Preis bezahlen. Dieser ist meiner Ansicht nach nicht so hoch wie der Preis dafür, sich nicht um sein eigenes Selbstgefühl und Vertrauen in sich als Mutter zu kümmern.

Ein Leben mit einer narzisstischen Mutter ist dem Aufwachsen unter einer Diktatur gleich, in der die eigene Individualität völlig unbedeutend ist und fast ausschließlich Schwierigkeiten mit sich bringt. Es kann sein, dass diese Schwierigkeiten die Beziehung zu den eigenen Kindern charakterisieren. Ich glaube, dass es sich bei Ihnen mehr um einen Mangel an persönlicher Autorität handelt. Es gibt eine völlig logische Erklärung dafür. Wenn Sie mit einer krankhaft mit sich selbst beschäftigten Mutter aufwachsen, so ist es dabei sowohl intellektuell als auch emotional schwer zu lernen, wie man sich selbst ernst nimmt. Selbst das Wort "Ich" weckt Widerstand in einem und die Angst davor, sich selbst als egozentrisch zu empfinden und so kalt zu sein wie das nächste nahestehende Vorbild.

Dieser Widerstand kann nur durch intellektuelle Einsicht und Einstellungen, die Sie von Ihrer Mutter unterscheiden, abgebaut werden. Also auch durch neue therapeutische Erfahrungen. Das bedeutet nicht nur Psychotherapie, denn auch diese hat ihre Grenzen, sondern dass Sie einfach damit weitermachen, womit Sie bereits begonnen haben. Nämlich die manchmal unerbittlichen Herausforderungen, die Sie durch Ihre Kinder erfahren, anzunehmen und mit ihnen gemeinsam zu wachsen.

Was Sie lernen können, ist, sich selbst nicht jedes Mal in einem Konflikt mit Ihren Kindern zu ernst zu nehmen. Es geht nicht darum, laut und streng zu sein oder Konsequenzen anzudrohen. Es geht auch nicht um die gesprochenen Worte, sondern vielmehr um deren Ton. Es geht also darum, eine innere Sicherheit dahingehend aufzubauen, was Sie wollen und was Sie nicht wollen. Und nicht zuletzt auch darum, dass es völlig in Ordnung ist, sich mit einer für Sie notwendigen Entscheidung wohlzufühlen. Dadurch werden Sie nicht zur Narzisstin und auch nicht zu einer schlechten oder unsensiblen Mutter ohne Empathie.

Die Rolle Ihres Mannes scheint mir etwas unklar, außer, dass er nicht so viel zu Hause ist und Sie während seiner Abwesenheit allein für die Kinder verantwortlich sind. Das entspricht auch der Realität jener Frauen, deren Männer jeden Tag spät nach Hause kommen. Mein Gefühl ist, dass er durch seine Loyalität Ihnen gegenüber seinen "Führungsstil" anpasst. Wenn das stimmt, so beobachten sie einfach seine Art an anderen Orten als zu Hause und lassen Sie sich inspirieren.

Zugegeben, Sie stehen vor einer großen Aufgabe, aber nehmen Sie es gelassen! Ihren Kindern wird es gutgehen, auch wenn die Lösung Ihrer Situation einige Zeit in Anspruch nehmen wird.

Es ist besser, mit unsicheren Eltern aufzuwachsen als mit solchen, die von sich selbst zu sehr überzeugt sind.

Auch in den nächsten paar Jahren werden Ihre Kinder toben, weinen und sich über Sie ärgern. Nur ganz im Gegensatz zu Ihrer Mutter besitzen Sie die Fähigkeit, sie in ihren Gefühlen ernst zu nehmen. (Jesper Juul, 7.6.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 21. Juni.

  • Sigmund Freuds Couch, auf der er seine Patienten mitunter über ihre Mütter erzählen ließ.
    foto: ap

    Sigmund Freuds Couch, auf der er seine Patienten mitunter über ihre Mütter erzählen ließ.

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