Menschenrechtsgericht billigt passive Sterbehilfe für Franzosen

5. Juni 2015, 13:17
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Ein 38-Jähriger ist seit 2008 im Wachkoma und wird durch künstliche Ernährung am Leben gehalten

Das mit Spannung erwartete Urteil beendet einen mehrjährigen Rechtsstreit um den 38-jährigen Franzosen Vincent Lambert, der seit einem Verkehrsunfall von 2008 reglos in einem Krankenhaus in Reims liegt. Der Europäische Menschengerichtshof (EGMR) befand mit zwölf gegen fünf Richterstimmen, dass die Ärzte die künstliche Ernährung einstellen dürfen. Das wünscht auch Lamberts Gattin.

Im Kern besagt das Urteil, dass die französische Justiz das "Recht auf Leben" nicht verletzt habe, als sie den Nahrungsstopp billigte. Laut einer Expertise von 2014 leide das querschnittsgelähmte Unfallopfer an einem unheilbaren Gehirnschaden und befinde sich in einem "vegetativen Zustand".

Eltern wollen nicht aufgeben

Das wegweisende Urteil, das für den EGMR eine Premiere darstellt, ist definitiv. Lamberts Mutter sieht trotzdem neue Rechtsmittel, um die "verkappte Euthanasie" zu verhindern, wie sie nach dem Urteil erklärte. Da der behandelnde Chefarzt das Universitätsspital von Reims inzwischen verlassen hat, muss ein neues Kollegium den Nahrungstopp beschließen; diesen Entscheid wollen Lamberts Eltern erneut anfechten, wie ihre Anwälte erklärten.

In Frankreich entwickelte der Fall über die Jahre eine ungeheure Resonanz. Alles dreht sich um die Frage, ob Vincent Lambert noch menschlicher Regungen fähig ist. Nach Arztangaben ist er bei "minimalem Bewusstsein" und empfinde zum Beispiel keine Schmerzen.

Für einzelne Angehörige ist die Lage allerdings kaum mehr zu ertragen. Wegen des Justizmarathons haben sie bereits dreimal von Vincent Abschied genommen, im Glauben, dass die lebensverlängernden Maßnahmen eingestellt würden.

Familienstreit

Der Fall ist auch weniger selten, als man meinen würde. In Frankreich werden derzeit mehr als tausend Patienten künstlich ernährt. Die Lamberts sind seit Jahren zerstritten. Die Gattin und fünf Geschwister wollen die Ernährungszufuhr unterbrechen. Vincents Frau behauptet in einem Buch, ihr Mann habe vor seinem Unfall mehrmals erklärt, er wolle in einer solchen Lage keine künstliche Lebensverlängerung erhalten. Schriftlich festgehalten hatte er diesen Wunsch aber nie.

Ganz anders sehen es Vincents Eltern sowie zwei weitere Geschwister. Die Mutter, eine katholische Traditionalistin, und der Vater, ein militanter Abtreibungsgegner, halten dafür, Vincent sei zu Unrecht in einer Palliativstation, seien doch seine Tage nicht gezählt. In einem Buch erzählte die Mutter ihrerseits, ihr verunfallter Sohn höre und fühle; ab und zu reagiere er mit seinen Augen, gelegentlich kämen ihm sogar Tränen.

Ärzte wollen Gegenwehr erkannt haben

Die behandelnden Ärzte glauben allerdings, dass letzteres nicht mehr als unbewusste Reflexe sind. Ihre sämtlichen Versuche, einen menschlichen Kontakt herzustellen, sind erfolglos geblieben. Vincent atmet zwar ohne Geräteunterstützung, er schläft und zeigt gewisse Reaktionen, scheint aber zu keiner direkten Kommunikation mehr fähig.

Anfang 2013 schien es dem medizinischen Personal, dass sich Vincent mit minimen Zeichen gegen die Nahrungsaufnahme und Pflege wehre. In Absprache mit der Gattin zog der leitende Arzt darauf die nährende Sonde ab. Die Eltern erfuhren dadurch aber und erreichten per gerichtlichem Schnellverfahren, dass die Ernährung wieder aufgenommen wurde. Seither tobt der Gerichtsstreit.

Sterbehilfe untersagt

Die französische Ärzteschaft ist gleicher Meinung wie Vincents Gattin und bezeichnet den Status Quo als "unvernünftiges Beharren". Bei unheilbar kranken Personen, die in einer Sterbestation liegen, dürfen in einem solchen Fall nach französischer Rechtsprechung die Apparate gestoppt werden. In dem katholischen Land ist die aktive wie die passive Sterbehilfe zwar auch in einem relativ neuen Gesetz von 2005 untersagt. Eine nationale Kommission prüft seit einem Jahr eine Neuauflage, stößt aber auf den Widerstand kirchlicher Kreise.

In der Affäre Lambert rückt nun die Frage in den Mittelpunkt, ob der Nahrungsstopp des Ärztekollegs juristisch überhaupt anfechtbar ist. Handelt es sich um einen neuen Entscheid – oder die Bestätigung eines früheren Chefarztentscheides? Lamberts Eltern behaupten, es gebe ein neues Element, das ein neues Verfahren erlaube: Vincent habe vor ein paar Monaten zu schlucken begonnen. Die Pfleger stellen das in Abrede. Seine Mutter will ihren Sohn aber aus der Palliativstation in Reims in ein Zentrum für Patienten mit "verändertem Bewusstsein" in Straßburg verlegen. Dessen Leiter erklärte, Vincent befinde sich nicht in einem "vegetativen", sondern "minimalen" Zustand; auch sei er eines gewissen Austauschs mit seiner Umgebung fähig. Was das genau bedeutet, weiß wohl nur Vincent Lambert. Wenn er es weiß. (Stefan Brändle aus Paris, 5.6.2015)

Hintergrund: Regelungen für Sterbehilfe in Europa


Belgiens Parlament verabschiedete 2002 eines der liberalsten Sterbehilfe-Gesetze in Europa. Es erlaubt erwachsenen und unheilbar kranken Patienten die Tötung auf Verlangen, wenn Ärzte unerträgliche Leiden bescheinigen. Seit 2014 gilt das Gesetz auch für Minderjährige.

Dänemark hat die passive Sterbehilfe 1992 gesetzlich geregelt. Jeder kann lebensverlängernde Maßnahmen - wie künstliche Beatmung - mit einer schriftlichen Erklärung ausschließen. Patienten können auch dann schmerzstillende Mittel bekommen, wenn diese den Tod beschleunigen.

Deutschland hat die aktive Sterbehilfe verboten. Wer jemanden auf dessen Wunsch tötet, wird mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. Passive Sterbehilfe hingegen ist erlaubt. Laut dem deutschen Bundesgerichtshof dürfen Ärzte die Maßnahmen auch dann abbrechen, wenn der Patient noch nicht kurz vor dem Tod steht.

Frankreich hat die passive Sterbehilfe erlaubt, aktive Sterbehilfe aber verboten. Auf Wunsch des Patienten kann eine medizinische Behandlung abgebrochen werden, auch wenn das den Tod beschleunigt.

Luxemburg erlaubte die aktive Sterbehilfe 2009 als drittes Land in Europa. Ein Arzt darf Schwerstkranken auf deren Wunsch helfen, ihr Leben zu beenden. Allerdings müssen zwei Ärzte unabhängig voneinander feststellen, dass eine Heilung ausgeschlossen ist. Zudem muss der Patient seinen Todeswunsch mehrfach niederschreiben.

Die Niederlande verabschiedeten ihr Sterbehilfegesetz im April 2002 als erstes Land der Welt. Für Schwerstkranke ist aktive Sterbehilfe seitdem legal. Die Forderung einer Bürgerinitiative, Menschen ab 70 Jahren generell das Recht auf Sterbehilfe einzuräumen, scheiterte 2012 im Parlament.

In Österreich ist die passive Sterbehilfe gesetzlich erlaubt. 2006 verabschiedete der Nationalrat ein Patientenverfügungsgesetz. Beihilfe zum Suizid ist aber wie in Deutschland strafbar.

In der Schweiz ist die "Tötung auf Verlangen" ebenfalls verboten. Die Gesetze erlauben es aber, unheilbar Kranken Gift anzubieten, das diese dann selbst einnehmen. Die Schweizer Organisationen Exit und Dignitas bieten Sterbenskranken an, ihnen auf Wunsch beim Suizid zu helfen. Passive Sterbehilfe ist nicht ausdrücklich geregelt, gilt aber als erlaubt.

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