Irgendwie sind wir der Nostalgie anheimgefallen

8. Juni 2015, 05:30
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Die Künstlerin Esther Stocker und der Fotograf Meinrad Hofer wohnen in einem alten Holzhaus am Semmering. Es ist ein Leben mit der Natur

Die Künstlerin Esther Stocker und der Fotograf Meinrad Hofer wohnen in einem alten Holzhaus am Semmering. Es ist ein Leben mit der Natur. Zum Glück haben sie keine Ziegen. Wojciech Czaja hat sie besucht.

"Es klingt kitschig, aber es ist wahr. Vor ein paar Jahren haben wir eine Woche im Loos-Haus am Semmering verbracht. Ein wunderschöner Ort. In der Bibliothek haben wir ein Buch über Alma Mahler-Werfel verschlungen. Mit einem Mal ist der Semmering für uns zum Leben erwacht. Wir haben uns in diese Epoche bis über beide Ohren verliebt. Da haben wir beschlossen, uns hier niederzulassen.

foto: lisi specht
Esther Stocker und Meinrad Hofer mit ihrem zweieinhalbjährigen Sohn Sander: Der Ausblick von ihrem Holzhaus aus kann dramatisch sein. (Zum Vergrößern hier klicken)

Gefunden haben wir das Haus 2012 über eine Anzeige. Der Ausblick, der auf den Fotos zu sehen war, mit all den Bäumen und dem Blick auf die Hänge, ließ Großartiges erahnen. 30 Leute haben sich auf die Anzeige gemeldet. Der Besichtigungstermin war frustrierend. Hinzu kommt, dass es ein Bieterverfahren gab. Wahrscheinlich war es der damals hochschwangere Bauch, der uns die Gunst des Eigentümers hat zukommen lassen.

Klamm Zentrum, wenn man das so sagen kann, hatte damals zehn Einwohner. Jetzt sind es dreizehn, gemeinsam mit unserem zweieinhalbjährigen Sohn Sander. Soviel wir wissen, stammt das Haus aus dem Jahr 1975 und ist eines der ersten Fertighäuser, die in Österreich errichtet wurden. Ein Holzhaus von oben bis unten. Im Großen und Ganzen ist es innen gleich geblieben. Die größte Änderung im Innenraum war, dass wir die holzvertäfelten Wände weiß gestrichen haben, womit sich die Atmosphäre komplett verändert hat. So ziemlich alles innen ist weiß: die Wände, die Küche, die Möbel. Ein bisschen schaut das Ganze aus wie ein typisches Esther-Stocker-Bild.

Die KENH Architekten, Freunde von uns, haben dann einen Entwurf für einen Zubau gemacht, in dem sich nun das Malstudio befindet. Von außen sieht man dem Haus das Gestückelte aber überhaupt nicht an. KENH hat den Bau mit silbergrau gestrichenen Fichtelatten verkleidet und die einst kleinteiligen Fenster gegen große, schlichte Glasscheiben ersetzt.

Irgendwie, scheint es, sind wir der Nostalgie anheimgefallen. Die Gemütlichkeit haben wir beibehalten, auch die bestehenden Möbel und Küchengeräte, die wir hier vorgefunden haben, sind alle geblieben. Der Herd beispielsweise dürfte an die 30 Jahre alt sein. Die Gadgets heutiger Herde hat er freilich nicht, schön ist er auch nicht, aber er funktioniert. Und heizen tun wir mit einem alten Bauhaus-Holzofen. Wir wollen nichts wegschmeißen. Wir wollen erhalten. Vielleicht ist das unser Beitrag gegen unser Konsumverhalten, gegen die Unkultur der Wegwerfgesellschaft.

Das Grundstück hat rund 5000 Quadratmeter, das meiste davon Wald und Wiese, aber es gibt auch ein Feld, wo wir Salat, Kartoffeln, Kohlrabi, Karotten, Kresse, Fenchel und Rucola anbauen. Nur die Tomaten werden hier oben kaum rot. Wir arbeiten viel im Garten. Ein Drittel seiner wachen Zeit sollte der Mensch mit Gartenarbeit verbringen, hat einmal ein weiser Mann gesagt. Bei einem Drittel sind wir noch nicht. Aber bei einem Fünftel.

Der Ausblick ist fantastisch. Wir schauen raus auf die weichen Hügelkuppen und die schroffen Felsbrocken, die gleich daneben Caspar-David-Friedrich-mäßig emporragen. Wenn es stürmt und donnert und wenn in der Früh der Nebelreif in den Adlitzgräben hängt, dann ist das ein mächtiges, dramatisches Bild, und plötzlich kommt man sich klein wie eine Ameise vor. Dann weiß man: Das alles gehört dir nicht, auch das Haus nicht. Du bist nur Gast in der Wildnis. Man muss das Wohnen hier oben nicht gestalten. Das macht die Natur. Es ist ein Leben mit Zecken, Wespen, Hornissen. Das Einzige, was noch fehlt, sind Ziegen. So tierlieb, wie wir sind, würden wir die wahrscheinlich im Wohnzimmer halten. Keine so gute Idee." (8.6.2015)

Esther Stocker, geboren 1974 in Südtirol, studierte Malerei und Grafik in Wien und Pasadena, Kalifornien. Seit 2000 ist sie freischaffende Künstlerin. Ihre jüngste Arbeit ist im Museum Liaunig in Kärnten zu sehen. Kürzlich erschien ihr Buch Verrückte Geometrie im Kerber-Verlag. Meinrad Hofer, geboren 1977 in Graz, studierte Fotografie in Wien und assistierte u. a. bei Steven Klein und Greg McDean in New York. Seit 2001 ist er freischaffender Fotograf und Filmemacher. Demnächst erscheint sein Bildband Witness im Kehrer-Verlag.

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