Mozarteum: 100 Jahre und ein bisschen leise

5. Juni 2015, 17:48
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Zum 100-jährigen Bestehen des Salzburger Mozarteums: Ein Blick in die Zukunft und der Traum von einem Salzburger Centre Pompidou der Musik

Theater, Opern- und Konzerthäuser in aller Welt haben eine unsympathische Eigenschaft: Sie sind nur an Abenden, wenn Vorstellungen stattfinden, geöffnet. Gewiss, ein wenig einladender, meist winddurchwehter Kassenraum ist untertags für bestimmte Stunden zugänglich, gelegentlich entdeckt man sogar ein kleines Café. Aber ist der Schlussapplaus verebbt, versuchen Platzanweiser und Logenschließer die Gäste auf schnellstem Wege wieder aus dem Haus zu schaffen. Dabei wäre es doch jetzt am schönsten. Während des Tages machen Theater und Konzerthäuser dann wieder den Eindruck geschlossener Anstalten.

Vision von einem offenen Haus

So wirkt auch das Salzburger Mozarteum in der Schwarzstraße als verschlossenes, ja abweisendes Gebäude. Auch wenn dies für Studierende und Lehrer, für die Besucher von Konzerten und für Schulklassen, die an Vormittagen gelegentlich das Haus beleben, anders erscheinen mag. Man könnte sich aber das 100 Jahre alt gewordene Mozarteum auch als ein offenes Haus vorstellen. Man könnte das Mozarteum als ein Centre Pompidou der Musik, als multifunktionales Zentrum der Kunst, wie die Tate Modern, neu erfinden - als ein attraktives, europaweit leuchtendes Haus der Musik, als zeitgenössisches, weltoffenes Zentrum der Begegnung, das für alle Freunde der Musik, alle sozialen Schichten und ohne altersmäßige Hierarchien von früh bis spät seine Tore geöffnet hat.

Dieses Mozarteum des 21. und 22. Jahrhunderts könnte ein zeitgemäßes Museum der Musikgeschichte enthalten, ergänzt durch variable Ausstellungsräume für thematische Sonderschauen. Zur weiteren Einrichtung gehört eine Mediathek, eine Noten-Bibliothek, ein allgemein zugängliches Musik-, Opern- und Filmarchiv und die entsprechend ausgerüsteten Arbeitsplätze, jedermann kann hier die digitale Mozart-Edition studieren oder Inszenierungen von Opern, Filme und Dokumentationen ansehen.

Musikentdecken und Rendezvous

Hier sind alle Formen des Musikhörens, Musikgenießens und Musikentdeckens möglich. Das Mozarteum wäre somit ein idealer Ort, an den man immer gerne hingeht, egal, ob man nun Musik hören, Bücher, Fachzeitschriften und Zeitungen lesen will oder sich zu einem Rendezvous verabredet. Es versteht sich, dass dieses neue Mozarteum auch an Sonn- und an Feiertagen geöffnet ist. Hier ist jedermann jederzeit willkommen. An diesem Ort kann jeder musizieren, man kann lernen, wie man am Computer komponiert oder wie man Karaoke singt. Aufnahmestudios stehen zur Verfügung, nicht nur für Schüler und Studenten.

Die Musikwissenschafter von der Universität Mozarteum und der Paris Lodron Universität Salzburg könnten endlich öffentlich und gemeinsam (!) zum Einsatz kommen. Müsste man nicht nachdenken über eine populäre Art von Musikwissenschaft? Weg von einsamen historischen Spezialstudien, ungelesenen Sammelbänden, akademischen Symposien, die hinter verschlossenen Türen stattfinden? Hier könnten neue, offene Formen eines anspruchsvollen Diskurses über Musik, Kunst, Philosophie und Wissenschaft erprobt werden. Das neue Mozarteum wäre somit ein Internationales Forum für Musik, das in die Welt ausstrahlt. Natürlich wird dieser Plan in Gemeinschaft mit der Universität Mozarteum (sie nützt Teile des Gebäudes für ihre Gesangsklassen), dem Landestheater, dem Marionettentheater und dem Schloss Mirabell (dem Magistrat der Stadt Salzburg) entwickelt. Der Garten samt Zauberflötenhäuschen sowie der Mirabellgarten (Heckentheater etc.) werden in die Neugestaltung miteinbezogen.

Nieder mit den Zäunen

Abgrenzende Hecken werden gestutzt, Gartenzäune abgerissen. Auf diese Weise könnte im Carré zwischen Makart- und Mirabellplatz, Auersperg- und Schwarzstraße ein vitaler Stadtbezirk entstehen. Man erkennt sofort: Es handelt sich um eine einzigartige städteplanerische Chance, in die man auch das jetzige Kurhaus (dann umgebaut zu einem multifunktionalen Veranstaltungsort) mit einbeziehen könnte. Durch den Mirabell-Park führen die Wege durch die Gartenanlagen ins Haus, ein luftiger, gläserner Fußgängersteg leitet die Besucher von der Salzach über die Schwarzstraße direkt ins Dachgeschoß.

Hier ist das "Café Heinrich Ignaz Franz", von dessen geräumiger Terrasse man auf Mirabellgarten, Andräviertel und Kapuzinerberg blickt, die Hauptattraktion. Ein zweites, bodenständigeres Café "Zu ebener Erde" lädt im Garten ein - gemeinsam betrieben mit dem Landestheater. Im Souterrain des Hauses gibt es das gemütliche Restaurant "Lilli", das auch als Kantine für Theater und Konzerthaus konzipiert ist.

Es ist kein Geheimnis, dass bald darauf die Schwarzstraße zur Gänze untertunnelt und das Gebäude inmitten eines weitläufigen Fußgängerzonen-Areals liegen wird. Dann wird auch eine U-Bahn-Station den Namen Mozarteum tragen. Könnte dieses neue populäre Mozarteum nicht die große Attraktion der Stadt werden? Die Musikwissenschafter engagieren sich nun in der Revolutionierung der Musikpädagogik.

Musizieren als Therapie

Sie entwickeln neue Konzepte für den - niemand wird das bestreiten - ein wenig unpopulär gewordenen Musikunterricht. Ist nicht die qualifizierte Ausbildung der Jugend eine der wichtigsten Anliegen einer Bürgerschaft? Daniel Barenboim hat mit seinen Kinder- und Jugendprogrammen des West-Eastern-Divan-Orchestra den Beweis erbracht, dass Musik nicht nur politische Abgrenzungen zu überwinden vermag. Er hat, wie vor ihm andere, gezeigt, dass das Spielen eines Instruments und gemeinsames Musizieren allgemein bekannte Defizite heutiger Kinder wie Konzentrationsschwächen oder soziale Inkompetenz verringern kann.

Noch vieles ließe sich über dieses Mozarteum der Zukunft sagen. An diesem Ort muss vor allem der Beweis erbracht werden, dass klassische Musik künftig keine elitäre Angelegenheit sein wird - ohne dass dabei die klassikbegeisterten Damen und Herren jenseits des 60. Lebensjahres verschreckt werden. Und damit verbunden ist die Frage, wie und auf welche Weise sich der bestehende Klassik-Musikbetrieb verändern soll. Die Vorurteile sind bekannt: Alles, was mit klassischer Musik zu tun hat, ist aus dem Blick vieler junger (und älterer) musikinteressierter Menschen mit Assoziationen wie konservativ, altmodisch, teure Eintrittskarten, überalter- tes Publikum, redundantes Programmangebot etc. verbunden.

Zentrum der Erneuerung

Das Haus in der Schwarzstraße 26 könnte in der Folge der ideale Treffpunkt werden für die Partner von vergleichbaren internationalen Institutionen, von innovativen Konzertveranstaltern, von Musikakademien, den Managern von Zentren wie der Cité de la Musique Paris oder der Brooklyn Academy of Arts New York. Die Stiftung Mozarteum könnte es als zentrale Aufgabe ansehen, alle klugen Köpfe an einem Ort zu versammeln, um über die Erneuerung des Klassikbetriebs, die - jeder weiß es - nötig ist, nachzudenken. Salzburg wäre damit tatsächlich die Weltstadt der Musik und das Mozarteum das Zentrum der Erneuerung.

Schon jetzt, zum 100-Jahr-Jubiläum, sollte man einen Ideenwettbewerb ausschreiben, was die zukünftigen Aufgaben des neuen Mozarteums sein könnten. Die Stiftung Mozarteum würde im Rahmen von EU-geförderten Projekten die preisgekrönten Konzepte entwickeln. Im Sinne des vorhin Gesagten ließe sich über die künftigen Ziele musikalischer Ausbildung ein internationales Forum in Salzburg versammeln, das Mozarteum wäre damit auch die wichtigste Zukunftswerkstatt für Musikerziehung und musikalische Ausbildung.

"Ich möchte alles haben, was gut, ächt und schön ist!" Dieser Satz von Wolfgang Amadeus Mozart ziert seit 2005 in leuchtender Neonschrift nachts ein Haus, das nun 100 Jahre alt ist. Es ist auch ein gutes Motto für eine visionäre Vorausschau in die künftigen hundert Jahre. (Klemens Renoldner, Album, 5.6.2015)

Dieser Text entstand nach Gesprächen mit Johannes Honsig-Erlenburg, Präsident der Internationalen Stiftung Mozarteum. Die vollständige Fassung des Beitrags findet sich im Buch "Mozarteum. Das erste Haus für Mozart" (Strube-Verlag), das am 9. Juni um 18 Uhr im Salzburger Mozarteum präsentiert wird.

  • Die Stiftung Mozarteum wirkt ein wenig verschlossen, ja abwesend. Das sollte sich ändern, fordert Klemens Renoldner.
    foto: hans klaus techt / collage: standard

    Die Stiftung Mozarteum wirkt ein wenig verschlossen, ja abwesend. Das sollte sich ändern, fordert Klemens Renoldner.

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