Absolventen: Der sichere Sessel im Büro ist in

Interview9. Juni 2015, 09:00
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Ursula Axmann, Geschäftsführerin des Karriere-Zentrums der WU-Wien, über Bewerbungssünden und den wichtigen Blick hinter die Unternehmenskulissen

STANDARD: Heute müssen sich nicht mehr nur Bewerber ihren Arbeitgebern, sondern auch Arbeitgeber ihren Bewerbern gut präsentieren. Worauf legen Absolventen Wert?

Axmann: Eine Umfrage der Österreichischen Career-Center zeigt, dass innovative, internationale Unternehmen gut ankommen. Auch gute Karrieremöglichkeiten sind Absolventen wichtig – und eine gewisse Sicherheit. In einer Welt, in der sich laufend alles ändert, wollen sie davon ausgehen können, dass zumindest ihr Bürosessel morgen noch dasteht.

STANDARD: Und was geht gar nicht?

Axmann: Unten durch sind Unternehmen, die nicht nachhaltig arbeiten. Ich glaube, dass sich heute viele über den Sinn ihrer Tätigkeit Gedanken machen, über den Impact, den ihr Job und das Unternehmen haben. Das hören wir sehr oft in Gesprächen mit Bewerbern. Diese Generation ist recht gut ausgebildet und hat gelernt zu hinterfragen.

STANDARD: Stichwort Employer-Branding: Was ist hier Sein und was Schein?

Axmann: Wenn man als Arbeitgeber etwas verspricht, das man nicht halten kann, bewegt man sich auf sehr dünnem Eis. Das kommt schnell ans Licht. Ich würde Bewerbern aber empfehlen, bei Freunden oder Bekannten, die schon im Unternehmen arbeiten, nachzuforschen, viel Zeitung zu lesen und oft Netzwerkveranstaltungen zu besuchen, um hinter die Kulissen zu schauen und zu verifizieren, ob das auch wirklich stimmt, was versprochen wird.

STANDARD: Wie sinnvoll ist es, sich bei der Wahl des passenden Arbeitgebers an Rankings zu orientieren?

Axmann: Rankings bitte immer mit Vorsicht genießen. Wenn man sie schon bei der Jobsuche heranzieht, empfehle ich, ganz genau darauf zu achten, wie die Stichprobe aussieht. Darauf zu achten, wer befragt wurde. Eine meiner Kolleginnen bekommt beispielsweise nach vielen Jahren Berufserfahrung immer noch Fragebögen für frische Absolventen zugeschickt. Das sollte nicht passieren. Auch eine entscheidende Frage: Ist die Anzahl der Befragten repräsentativ? Leider gibt es sehr viele Rankings, die auf sehr dünnen Antwortzahlen basieren. Dadurch entstehen Verzerrungen.

STANDARD: Zur Bewerbung: Braucht heute wirklich jeder Absolvent eine eigene Webseite?

Axmann: Extras wie Homepages oder Video-CVs müssen außerordentlich gut gemacht sein, um positiv zu wirken. Solche Extras also besser vermeiden oder mit Experten anlegen. Am wichtigsten sind nach wie vor gut aufbereitete Bewerbungsunterlagen. Auch Profile im Netz auf Plattformen wie LinkedIn oder Xing können nicht schaden.

STANDARD: Wird das Recruiting bald komplett dort ablaufen?

Axmann: In den USA passiert das schon. Stellenangebote sind ja schon dort ausgeschrieben, da ist der Weg nicht mehr weit, dass man auch Lebenslauf und Motivationsschreiben gleich mitschickt.

STANDARD: Über welche Bewerbungssünden frischer Absolventen klagen Personaler bei Ihnen?

Axmann: Sünde Nummer eins: nicht erklären zu können, warum man einen Job will. Natürlich fragen Unternehmen: Wieso wollen Sie für uns arbeiten? Hier muss man sich etwas Vernünftiges überlegen. Und das versäumen viele. Sünde Nummer zwei sind schlechte Bewerbungsunterlagen. Es geht nicht ums Unmögliche, es sollen einfach Namen richtig geschrieben sein, Tipp- und Rechtschreibfehler vermieden werden. Bewerbungen sind schließlich die erste Arbeitsprobe.

STANDARD: WU-Studierende verdienen bei Praktika vergleichsweise gut, nicht selten kommt es danach zur Anstellung. Sind Praktika also der Königsweg zum ersten Job?

Axmann: So einzusteigen, empfehlen wir Studierenden sogar, denn: Wenn man bei einem Praktikum draufkommt, dass man nicht ins Unternehmen passt, ist nicht viel verloren. Bei einer Fixanstellung wird es komplizierter. Es gibt sogar Unternehmen, die schreiben gar keine Einstiegspositionen mehr aus, sondern rekrutieren primär über Praktika.

STANDARD: ... die sich aber weiterhin in einer arbeitsrechtlichen Grauzone befinden ...

Axmann: Es stimmt, Praktika sind oft glatte Dienstverhältnisse, auf denen "Praktikum" draufsteht, weil es ein gängiger Begriff ist. Die korrekte rechtliche Bezeichnung ist das natürlich nicht. Aber Unternehmen sind hier sehr achtsam und stellen ihre Praktikanten meist nach Kollektivvertragsbedingungen an. (Lisa Breit, 9.6.2015)

Ursula Axmann (44) studierte an der Wirtschaftsuni Wien. Seit 2005 ist sie Geschäftsführerin des WU ZBP Career Center.

  • Ursula Axmann ist im Career Center der WU Wien dafür zuständig, dass gute Arbeitgeber und gute Absolventen zusammenfinden.
    foto: ho

    Ursula Axmann ist im Career Center der WU Wien dafür zuständig, dass gute Arbeitgeber und gute Absolventen zusammenfinden.

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