Junge wollen mehr Leben, weniger Arbeit

6. Juni 2015, 09:00
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Freizeit und nette Kollegen schlagen Geld beim Berufseinstieg

Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung, attraktive Aufgaben, gute Karriereperspektiven sowie wertschätzendes Miteinander, das sind die wichtigsten Faktoren bei der Wahl des Arbeitgebers. Zu diesem Ergebnis kommt das aktuelle Graduate Barometer Austria 2015 von Trendence, einem Forschungsinstitut für Employer-Branding. Dafür wurden in Österreich rund 6200 abschlussnahe Studierende technischer bzw. wirtschaftswissenschaftlicher Richtungen an 24 Hochschulen befragt.

Weiters spiele eine ausgewogene Work-Life-Balance für junge Berufseinsteiger eine immer größere Rolle. Karrieremachen um jeden Preis habe seinen Glanz verloren. Die Realität sieht dann oft anders aus. Auch das zeigen Umfragen. Bei der oftmals herausfordernden Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz werden die Erwartungen gern auch zurückgeschraubt.

Die Unternehmenskultur spiele, so die Trendence-Umfrage, für die Wahl eine große Rolle. Rund 80 Prozent der Befragten gaben an, dass es wichtig sei, dass das Unternehmen zu ihnen passe. Wenn ihnen die Unternehmenskultur nicht behagt, würden laut der Umfrage rund 60 Prozent einen Job auch ausschlagen. Andererseits würden ebenfalls rund 60 Prozent auf Gehalt verzichten, wenn sie die Kultur des Unternehmens überzeugen kann.

Niedrigere Erwartungen

Im Vergleich zur voran gegangenen Befragung im Vorjahr schrauben Absolventen technischer und wirtschaftswissenschaftlicher Studien sowohl ihre Gehaltserwartungen als auch ihre zu erwartende Wochenarbeitszeit zurück.

Rechneten die befragten Studienabgänger von wirtschaftswissenschaftlichen Studien im Vorjahr noch mit einem monatlichen Bruttoeinstiegsgehalt von rund 2800 Euro, so gehen sie aktuell nur noch von einem monatlichen Bruttogehalt von rund 2540 Euro aus.

Ein ähnliches Bild bei Technikern. Im letzten Jahr wurde noch von einem monatlichen Bruttogehalt von rund 3000 Euro ausgegangen, so liegen die Erwartungen an das monatliche Bruttogehalt derzeit bei rund 2800 Euro.

Mit dieser Gehaltseinschätzung liegen Berufseinsteiger im realistischen Bereich. Alle zwei Jahre werden vom ÖPWZ (Österreichisches Produktivitäts- und Wirtschaftlichkeitszentrum) die Gehälter von Berufseinsteigern anhand von Unternehmensdaten ermittelt. Für das Jahr 2014 lag das monatliche Einstiegsgehalt von Absolventen wirtschaftswissenschaftlicher Studien zwischen 2500 Euro und 2700 Euro, bei Technikern zwischen 2600 Euro und 2900 Euro.

Kaum Unterschiede

Die Gehälter von Universitäts- bzw. Fachhochschulabsolventen haben sich laut ÖPWZ-Erhebung angepasst. Unterschiede gebe es aber bei den Gehältern von Bachelor und Master.

Ein hohes Einstiegsgehalt spiele bei der Wahl des Arbeitgebers eine immer untergeordnetere Rolle. Von größerer Bedeutung, so die Umfrage von Trendence, werde der Sicherheit der Anstellung gegeben. Mehr als 85 Prozent nannten dieses Kriterium als wichtig.

Kürzer im Büro

Veränderungen gegenüber dem vergangenen Jahr gibt es bei der Trendence-Erhebung hinsichtlich der Einschätzung der wöchentlichen Arbeitszeit. Sowohl Techniker als auch Wirtschaftswissenschafter wollen nicht mehr so lange arbeiten wie im Jahr davor. Auf die Frage, wie viele Stunden man wöchentlich zu arbeiten bereit sei, zeigt sich eine Verringerung im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich zwei Stunden. Die Bereitschaft liegt derzeit bei 43 Wochenstunden. Im Vergleich zur ersten Erhebung 2008 sank dieser Wert um rund fünf Stunden.

Die angespannte Situation am Arbeitsmarkt spiegelt sich auch in den Einschätzungen der Absolventen wider. Immerhin 40 Prozent der Wirtschaftswissenschafter gehen davon aus, dass es schwieriger werde, einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden. Im vergangenen Jahr waren es nur gut 30 Prozent. Dafür werden die Sorgen um die berufliche Zukunft im Vergleich zu 2014 geringer, denn deutlich mehr Absolventen fühlen sich nun durch ihr wirtschaftliches Studium optimal auf die Berufswelt vorbereitet (2014: 31,5 Prozent; 2015: 38,6 Prozent).

Gut vorbereitet

Optimistischer blicken Techniker in ihre berufliche Zukunft. Zwar gehen auch sie von einem schwierigeren Bewerbungsprozess als im Vorjahr aus, aber nur rund ein Viertel der Befragten erwartet, dass es schwer sein wird, einen passenden Job zu finden. Rund 45 Prozent fühlen sich durch ihre technische Ausbildung optimal auf die Berufswelt vorbereitet.

Am Ranking der beliebtesten Arbeitgeber ändert sich seit Jahren wenig. Google führt auch in anderen Rankings bei den beliebtesten Arbeitgebern. So auch bei der Trendence-Umfrage. Wie in den Jahren davor ist Google der beliebtester Arbeitgeber bei Technikern, BMW und Siemens folgen auf den Plätzen. Red Bull liegt bei Wirtschaftswissenschaftern ganz vorn, BMW und Google folgen auf den Plätzen zwei und drei. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt dem Universum Student Survey Austria des gleichnamigen Employer-Branding-Beraters.

Hoch im Kurs stehen bei Wirtschaftswissenschaftern auch Apple, die Vereinten Nationen oder das Außenministerium. Inwieweit bei dieser Bewertung Wunsch und Wirklichkeit im Einklang sind, lässt sich daraus nicht ablesen.

Ob sich die Erwartungen und die Beliebtheit der Arbeitgeber auch mit der Wirklichkeit decken, geht aus diesen Umfragen aber nicht hervor. (ost, 6.6.2015)

  • Auf mehr Geld verzichten die Jungen eher als auf Freizeit
    foto: edward groeger

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