"Fidelio": Feuer und Feinsinn

5. Juni 2015, 06:16
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Beethovens Oper wurde dank Adam Fischer zum Ereignis

Wien - Vor allem Klingen und Singen war Stille: Staatsoperndirektor Dominique Meyer trat vor den Vorhang und erinnerte an den jüngst verstorbenen Günther Schneider-Siemssen, der in seiner langen Ära am Haus die Bühnenbilder von 27 Produktionen entworfen hatte. Drei davon sind noch in Gebrauch, darunter jenes des Fidelio. In einer 30-sekündigen Schweigeminute wurde des künstlerischen Kompagnons Herbert von Karajans gedacht, die Fidelio-Vorstellung wurde Schneider-Siemssen gewidmet.

In dessen grauen Mauern eines spanischen Staatsgefängnisses aus dem 18. Jahrhundert rangen illustre Rollendebütanten um die Freiheit Florestans, allen voran Nina Stemme als Leonore. Ende März hat sie hier ihre erste Elektra gegeben, nun sang die Wagner-gestählte, aber auch im italienischen Fach beheimatete Sopranistin die kämpferische Gattin mit kluger Zurückhaltung: kraftvoll, doch edel, mit rundem Timbre. Kecker, kleiner, glänzender die Marzelline von Annika Gerhards, ein edler Retter Sebastian Holeceks Don Fernando. Herrisch und intensiv in der Darstellung der Don Pizarro von Jochen Schmeckenbecher, wortdeutlich, doch etwas schmalbrüstig in der Tiefe.

Lars Woldt bot als Rocco mehr an mächtiger Substanz, fand aber auch zu bewegenden Nuancen. Hell, mit langem Atem und berührender Gestaltung der Florestan von Robert Dean Smith. Blass und etwas zu zurückhaltend Norbert Ernsts Jaquino. Beethovens Fidelio ist ja weniger eine Oper als ein mehrteiliges, komplexes Orchesterstück, über welches sich fallweise wohlklingende Gesangslinien spannen. Und so wundert es kaum, dass der Meistbejubelte nicht unter den Sängern, sondern im Orchestergraben zu finden war: Adam Fischer, quasi der unterirdische Unruheherd, machte Fidelio mit Feuer und Feinsinn nach einem verwackelten Beginn zum einzigartigen Erlebnis.

1978 hat der Ungar diese Oper zum ersten Mal an der Bayerischen Staatsoper dirigiert, als Ersatz für den erkrankten Karl Böhm. Wild, sinnlich, wie mit frischen Farben gemalt präsentierte der 65-Jährige den Fidelio dreieinhalb Jahrzehnte später: Höhepunkt von Orchesterseite war die dritte Leonoren-Ouvertüre vor der zweiten Szene des zweiten Akts, bei der das Orchester Fischers Elan in vollendete Orchesterkunst umsetzte. Bravos für den Ungarn wie sonst nur für Shicoff & Co. (Stefan Ender, 5.6.2015)

Wiener Staatsoper, 6., 9. Juni, 19.00

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