Maurizio Pollini: Die Tiefe der Tasten

5. Juni 2015, 05:58
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Der Pianist beschert im Wiener Konzerthaus einen grandiosen Abend

Wien - Er scheint nur für sich zu spielen. Keine einzige Geste in Richtung Publikum, keinerlei Grimassen: Stattdessen führt Maurizio Pollini einen Dialog mit seinem Fazioli, der ziemlich der Persönlichkeit des inzwischen 73-Jährigen entspricht: Auch das Instrument hat nichts Aufgebauschtes, klingt zurückhaltend statt grell oder brillant. Pollinis Klavierzugang: Man wird als Hörer nicht sinnlich überwältigt, sondern in einen intimen Vorgang einbezogen, in dem es um den Kern der Sache geht. Also um eine fokussierte Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Werk, die genauestens ihren inneren Strukturen folgt, also dem Notentext, vor allem aber den in ihm verborgenen Spannungen.

Maurizio Pollini gelangt damit zu einer Art von Subjektivität zweiter Ordnung, die gerade dadurch so dringlich wird, dass sie sich nicht aufdrängt. In den letzten Jahren hat er sich mehr und mehr erneut an jenem Zentrum seines Repertoires ausgerichtet, das ihn einst weltberühmt gemacht hat: Chopin. Er konzentriert sich dabei auf eine überschaubare Zahl von Werken, zu denen er immer wieder zurückkehrt: als gälte es, sie jedes Mal aufs Neue zu befragen und jedes Mal andere Blickwinkel zu finden. Die erste von vier Zugaben war ein Musterbeispiel dafür.

Wie oft er wohl Chopins c-Moll-Etüde aus dem Opus 10, die vielfach abgedroschene "Revolutionsetüde", gespielt hat? Im Wiener Konzerthaus wurde sie erneut geboren - mit gemeißelten Läufen der linken Hand, trotzig aufbegehrendem Themenkopf in der rechten, den Pollini zu lyrischer Nachdenklichkeit sich verwandeln ließ.

Unbeschreiblich allein die letzten Akkorde: Das Stück endet ja offen auf der 5. Stufe, wie eine Frage, die Pollini diesmal nicht markig herausstellte, sondern geradezu verhalten, leicht zögernd fasste. In ähnlicher Weise betonte er das, was Adorno einst den "Rätselcharakter" der Kunst genannte hat - allerdings nicht bei Chopin! -, auch bei der wie immer sinnig-freien Zusammenstellung vierer Chopin-Stücke. Allein deren letztes, die ähnlich abgespielte As-Dur-Polonaise op. 53, war ein Wunder der Doppelbödigkeit: ein Triumph mit Fragezeichen.

Dialog mit Chopin

Die Werke von Schumann des ersten Teils gerieten ihrerseits in einen Dialog mit Chopin und zeigten eine deutliche Wahlverwandtschaft sowohl in ihrer Brüchigkeit als auch in ihrer Drastik: Selbst die C-Dur-Arabeske, ein gemeinhin eher als harmlos geltendes beliebtes Schülerstück, zeigte Pollini als grüblerische Preziose mit ihren verzweifelten Ausbruchsversuchen des ersten Moll-Teils und ihrem sinnenden Schlussgesang.

Und die "Kreisleriana" wurde ganz in Schumanns Sinne (sieben der acht Fantasiestücke schreiben extreme Tempi vor) zugespitzt zu einem tiefsinnigen Kampf mit impulsiven Gefühlsregungen, aber auch mit den (Un-)Möglichkeiten des Klaviers: grandios. (Daniel Ender, 5.6.2015)

  • Befragung der Strukturen: Maurizio Pollini.
    foto: mathias bothor / deutsche grammophon

    Befragung der Strukturen: Maurizio Pollini.


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