Schiffsunglück auf dem Jangtse: Hoffnung auf Luftkammern im Wrack

5. Juni 2015, 07:40
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Nach dem Schiffsunglück am chinesischen Fluss wurden bis Freitag 97 Menschen tot geborgen. Die Suche nach Überlebenden ging weiter: Helfer schnitten Löcher in das Wrack, in dem sie Luftkammern mit Passagieren vermuteten

Um jeden Preis wird in China nach Überlebenden gesucht. Nach dem Kentern des Kreuzfahrtschiffs Stern im Osten kämpfen seit Donnerstagfrüh 200 Taucher gegen die Zeit. Sie wollen über Außenkabinen tiefer ins Innere des mit dem Rumpf nach oben treibenden Schiffs kommen, wo Räume mit Luftblasen vermutet werden.

Das in einen Wirbelsturm geratene Schiff versank so rasch im 15 Meter tiefen Strom, dass Helfer Luftkammern annehmen. Innerhalb der ersten 15 Stunden nach dem Unglück konnten nur zwei Passagiere unter Wasser entdeckt und von Tauchern gerettet werden. Zwölf Personen, darunter der 52-jährige Kapitän Zhang Xunwen und sein erster Maschinist, überlebten, weil sie vom Bord des Schiffes springen konnten. Inzwischen werden Zweifel laut, ob der Untergang durch das Fahren trotz Sturmwarnungen und aufgrund eines waghalsigen Wendemanövers des nach einem Ankerplatz suchenden Kapitäns mitverursacht wurde.

Mehr als 400 der mehr als 450 Passagiere werden im gekenterten Schiff vermutet. Bis Freitag wurden 97 Menschen tot geborgen. Die meisten wurden aus dem Schiff geholt, einige Leichen wurden von der starken Strömung des Jangtse abgetrieben. Chinesische Fernsehteams filmten vor Ort in Schutzanzüge gekleidete Sanitäterkontingente. Sie sollen die Toten des schlimmsten Schiffunglücks Chinas bergen.

Immer mehr Angehörige treffen vor Ort ein. Sie kommen aus Schanghai und Jiangsu. Die meisten der alten Menschen an Bord, die die spezielle Jangtse-Kreuzfahrt für Rentner von Nanjing stromaufwärts bis nach Chongqing buchten, stammen von dort.

Die Behörden verbreiteten weitere Hoffnungssignale. Seit Mittwochnacht ließen sie das mit Stahlseilen und Stützschiffen stabilisierte Wrack an drei Stellen mit 55 bis 60 Zentimeter großen Löchern aufschneiden. Retter und Taucher sollen vom aus dem Wasser ragenden Boden aus ins Schiffinnere zu gelangen. Wenn niemand mehr lebend gefunden wird, sollen die Eingänge zugeschweißt und das Schiff mit großen Kränen gedreht werden.

Spekulation über Ursache

Die Agentur China News fand heraus, dass Kapitän Zhang über 35 Jahre Erfahrungen in der Jangtse-Schiffahrt verfügt und seit 2007 Kapitän auf dem Schiff Stern im Osten war. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter mit Preisen für Sicherheit und zuletzt 2014 als "herausragender" Kapitän seiner Gesellschaft. Zhang, der bis zum Ende aller Ermittlungen in Polizeigewahrsam bleibt, hatte ausgesagt, dass das Schiff schnell Schlagseite bekam, drehte und kippte, dass es nur "ein bis zwei Minuten" dauerte, bis es sank.

Eine Auswertung von Satellitendaten ergab nach Angaben der Hongkonger South China Morning Post, dass das 1994 gebaute Schiff sich abrupt "um 108 Grad drehte", kurz bevor es sank. Dieser Totalschwenk hätte es alle Stabilität verlieren lassen. Kritiker bezweifelten, ob der Untergang wirklich so schnell vor sich ging, dass der Kapitän nicht einmal Zeit hatte, einen Notruf abzusetzen. (Johnny Erling, 4.6.2015)

  • In das mit Stahlseilen und Stützschiffen stabilisierte Wrack werden Löcher aufgeschnitten, um mögliche Überlebende zu bergen.
    foto: reuters/stringer

    In das mit Stahlseilen und Stützschiffen stabilisierte Wrack werden Löcher aufgeschnitten, um mögliche Überlebende zu bergen.

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