Barcelona und Juventus in klar verteilten Rollen

5. Juni 2015, 13:19
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Katalanen nach Krise im Herbst wieder das Maß aller Dinge, Italiener könnten trotz Außenseiterrolle im Endspiel ihren alten Coach widerlegen

Berlin - Die Distanz zur Spitze schien einfach zu groß. Nachdem Juventus 2013 im Viertelfinale der Champions League gegen Bayern München klanglos ausschied, trat der damalige Coach Antonio Conte, vor die Kameras und hielt eine kleine Brandrede. Der nunmehrige italienische Teamtrainer sagte: "Ich sehe keine Möglichkeit für irgendeine italienische Mannschaft, in den nächsten Jahren die Champions League zu gewinnen. Es hat sich ein ganz enormes Loch aufgetan."

Etwa zwei Jahre später wurde Conte noch nicht komplett widerlegt, aber immerhin steht sein damaliger Verein einigermaßen überraschend in Berlin im Finale. In der deutschen Hauptstadt wartet am Samstagabend der FC Barcelona als großer Favorit. Die Quoten auf Barça und damit gegen Juve ähneln jenen auf Salzburg und gegen die Austria vor dem ÖFB-Cup-Finale.

Die klar verteilten Rollen gehen aus dem Weg ins Endspiel hervor. Barcelona kickte nach souveräner Gruppenphase fast mühelos wirkend den englischen Meister Manchester City (3:1), den französischen Meister Paris SG (5:1) und den deutschen Meister Bayern München (5:3) hinaus. Juventus kratzte in der Gruppenphase als Zweiter mit einem Punkt am letzten Tag gegen Atletico gerade so die Kurve, profitierte dann von einer günstigeren Auslosung mit Duellen gegen die schwächelnde Borussia Dortmund (5:1) und den AS Monaco (1:0) ehe es gegen Real eine erste echte Sensation (3:2) schaffte.

Drei WM-Sieger von 2006

Sofern man in einem Endspiel eine Warnung braucht, sollte letzteres Ergebnis eine für den Favoriten sein, die Truppe rund um den doppelten CL-Gewinner und 36-jährigen Dirigenten Andrea Pirlo nicht zu unterschätzen. Die Italiener haben Erfahrung (Pirlo, Andrea Barzagli und Gianluigi Buffon haben 2006 in Berlin die WM gewonnen), taktische Variabilität und andere Klassespieler anzubieten - wie Mittelfeldmotor Arturo Vidal, Frankreichs Startalent Paul Pogba und Topscorer Carlos Tevez.

Trotzdem bleiben sie Außenseiter. Denn nur wenige Monate nach den mancherorts genüsslich vorgetragenen Abgesängen auf die Ära der Katalanen liefen diese im Frühjahr zur Hochform auf. "Barcelona spielt einen anderen Fußball als die meisten Mannschaften", meint Juve-Trainer Massimiliano Allegri. Vor allem gelten die Spanier derzeit wieder einmal als bestes Team des Planeten, und das nicht zuletzt dank der Beiträge des wiedererstarken Außerirdischen Lionel Messi.

Frieden und Monster

Der hat Trainer Luis Enrique vor einigen Monaten noch fast den Job gekostet, als es zwischen den beiden kriselte. Enrique hatte Barça in seiner ersten Saison zwar nicht direkt umgekrempelt, aber doch merkbar direkter, diverser, schneller und aggressiver gemacht. Im Herbst schien das nicht zu funktionieren, doch kaum kehrte der Erfolg ein, verstummte auch die dem Klub typische, ideologische Kritik daran (Enrique: "Ich lebe inmitten von Extremismus."). Und es kam zum Frieden mit Messi.

Neben dem Unglaublichen verblassen selbst seine zwei kongenialen 180 Millionen Euro teuren Sturmpartner Neymar und Luis Suarez. 120 Tore haben diese drei von Gegnern als "Monster" beschriebenen Spieler gemeinsam in der bisherigen Saison geschossen, 25 allein in den zwölf CL-Matches. Messi und Neymar haben mehr als das ganze Team von Juve am Konto. Allegri versuchte dieses beachtliche Problem für seine Mannen herunter zu spielen: "Wir müssen keine unglaublichen Dinge zu zeigen, aber wir müssen kompakt stehen, um ihre besten Spieler zu stoppen."

Triple-Garantie

Seit Juventus zum letzten Mal die CL-Trophäe in einen Nachthimmel strecken durfte, sind 19 Jahre vergangen. Zuletzt unterlag man außerdem 2003 dem AC Milan (mit Pirlo) im Finale. Seitdem gewann Barcelona den Bewerb drei Mal. In allen Erfolgssaisonen mit dabei war Xavier ‘Xavi’ Hernandez. Der Welt- und zweifache Europameister sucht aber nach 24 Jahren im Verein im Sommer das Weite. Für den 35-jährigen Mittelfeldstar wäre der mögliche Auftritt vor 75.000 Zusehern in Berlin der letzte im Trikot der Blaugrana - es wäre auch der 151. in der Champions League, was ihn zum alleinigen Rekordspieler vor Iker Casillas machen würde.

Der Abschiedstrost für Barça und Xavi könnte ein Triple aus Liga, Cup und Europapokal sein, das zweite Triple der Vereinsgeschichte. Das hat noch kein Klub zuvor geschafft. Dass es das achte große Triple im europäischen Fußball gibt, ist gar nicht mehr zu verhindern, denn auch Juventus würde mit einem Erfolg in Berlin sein erstes fixieren. (Tom Schaffer aus Berlin, 5.6.2015)

Technische Daten und mögliche Aufstellungen zum Finale der Fußball-Champions-League am Samstagabend in Berlin:

Juventus Turin - FC Barcelona (Berlin, Olympiastadion, Samstag, 20.45 Uhr/live Puls 4, ZDF und Sky, SR Cakir/TUR)

Juventus: Buffon - Lichtsteiner, Barzagli, Bonucci, Evra - Marchisio, Pirlo, Pogba, Vidal - Tevez, Morata

Ersatz: Storari - Ogbonna, De Ceglie, Pepe, Padoin, Pereyra, Sturaro, Llorente, Matri

Es fehlen: Chiellini (Wadenverletzung), Caceres (Knöchelverletzung)

Barcelona: Ter Stegen - Alves, Pique, Mascherano, Alba - Rakitic, Busquets, Iniesta - Messi, Suarez, Neymar

Ersatz: Bravo - Mathieu, Bartra, Montoya, Rafinha, Xavi, Sergi, Pedro

Es fehlen: keine

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    Seit 1967 sieht die Champions-League-Trophäe aus, wie sie derzeit nunmal aussieht.

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    Rekordmann: Der nach Katar abwandernde Xavi würde mit einem Einsatz zumindest bis Herbst zum alleinigen CL-Rekordspieler. Bei einem Sieg würde er den Bewerb zum vierten Mal gewinnen und das zweite Triple mit Barcelona feiern.

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    Juventus-Fans machen sich auf die 1.200 Kilometer lange Reise nach Berlin.

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    Die deutsche Hauptstadt ist bereit für sie. Beim Champions Festival am Brandenburger Tor gibt es Events, Würstel und Spielmöglichkeiten. Das Finale selbst wird hier aber nicht übertragen.

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