Wie ein kilometerlanger Gletschersee binnen Stunden verschwinden kann

3. Juni 2015, 19:00
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Auf der grönländischen Eisdecke liegen Seen aus Schmelzwasser, die immer wieder aufs Neue entstehen, nachdem sie im Hochtempo ausgelaufen sind

Boston - Einige der großen Gletscherseen Grönlands können binnen eines Tages verschwinden - manche sogar innerhalb weniger Stunden. Die Ursache dieses Phänomens haben US-Forscher nun genauer ergründet: Ein Gleitfilm aus Wasser im Untergrund ist demnach ein entscheidender Faktor, berichten sie in der Fachzeitschrift "Nature".

Die grönländischen Gletscherseen entstehen im Sommer, wenn die Sonneneinstrahlung die Eisdecke anschmilzt und an bestimmten Orten alle Jahre wieder großflächige Wasseransammlungen bildet. Einer davon ist der North Lake im Westen Grönlands, der sich auf einer fast einen Kilometer dicken Eisdecke bildet und je nach Jahr einen Durchmesser von bis zu 2,5 Kilometern erreichen kann. Er gehört auch zu den etwa 13 Prozent der Seen, die binnen eines Tages verschwinden können.

Seit Jahren unter Beobachtung

Bereits 2006 berichteten Wissenschafter, dass der See sich binnen kurzer Zeit durch einen kilometerlangen Riss im Eis unter dem See entleeren kann. Bekannt ist den Geologen, dass sich solche Risse nur dann bis zum Grund fressen können, wenn sie vollständig mit Wasser gefüllt sind. Doch das allein könne die Rissöffnung nicht auslösen, schrieben die Forscher um Laura Stevens vom Massachusetts Institute of Technology in Woods Hole. Sonst könne sich schließlich nie ein großer See bilden.

Die Wissenschafter verteilten Messstationen, die das Satellitensystem GPS in hoher Auflösung nutzen, rings um den North Lake. Damit maßen sie die Eisbewegungen bei drei Seeentleerungen in den Jahren 2011, 2012 und 2013. Die Stationen registrierten jeweils sechs bis zwölf Stunden vor dem Beginn des Ablaufens ein Anheben des Eises um mehr als 20 Zentimeter.

So läuft es ab

Mit den Messungen und einem errechneten Modell stellt sich der Ablauf für die Forscher wie folgt dar: Wenn das Wasser des North Lake eine benachbarte Gletschermühle erreicht, läuft Schmelzwasser bis zum Grund des Gletschers. Eine Gletschermühle ist eine von Schmelzwasser geschaffene Hohlform, in der eingelagerte Gesteinsbrocken wie in einer Mühle in Drehung versetzt werden und so sich selbst und die Wände der "Mühle" abschleifen.

Dieses Wasser bildet nun einen Gleitfilm zwischen dem Eis und dem felsigen Untergrund und der Eispanzer gerät in Bewegung - was sich wiederum durch ein Anheben des Eises bemerkbar macht. In der Folge entstehen Spannungen im Eis, die dazu führen, dass sich der vorhandene Riss unter dem See weiter öffnet und der See in den Gletscher läuft. Das Wasser lässt den Gletscher noch stärker gleiten. Später friert der Riss teilweise wieder zu und bietet somit einen Boden, über dem sich später der See erneut bilden kann. (APA/red, 3.6. 2015)

  • Ein typischer Gletschersee auf dem grönländischen Eisschild.
    foto: laura a. stevens

    Ein typischer Gletschersee auf dem grönländischen Eisschild.

  • Blick auf eine sogenannte Gletschermühle: Ohne solche "Mühlen" gäbe es keinen rapiden Abfluss von Gletscherseen.
    foto: ian joughin

    Blick auf eine sogenannte Gletschermühle: Ohne solche "Mühlen" gäbe es keinen rapiden Abfluss von Gletscherseen.

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