Der Sonne entgegen

Blog5. Juni 2015, 05:30
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Wer auf einer Pressereise über den Peloponnes nicht nur im Bus oder beim Essen sitzen will, der muss früh raus. In Sparta kann man sich dann etwas von Härte und Disziplin einreden. Oder auf Elafonissi einfach einen Hammer-Sonnenaufgang genießen

foto: thomas rottenberg

Dimitri wird das nicht gerne lesen. Aber Sparta kann nix. Gar nix. Denn da ist nicht viel: Sparta ist eine mittelkleine Stadt auf dem Peloponnes – mit unattraktiver Nutzarchitektur und allen Problemen, die mittelkleine Städte eben haben. Plus denen, die griechische Städte noch extra haben.

Aber Dimitri klingt trotzdem stolz, wenn er "Sparta"sagt: Er kommt ja von hier. Und Sparta, sagt er, ist eben mehr: Name. Geschichte. Ruf.

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foto: thomas rottenberg

Denn da ist die Vergangenheit: Sparta. Die Legende. Härte. Disziplin. Wille. Ausdauer. Leidensfähigkeit. Mut. Und Opferbereitschaft. Ganz generell. Und im Speziellen natürlich auch: Leonidas, Xerxes, die Thermopylen. 300, die sich um 480 vor Christus 100.000 in den Weg stellten – und lieber starben, als sich zu ergeben. Das ist Sparta. Danach klingt Sparta. Wen interessiert die Gegenwart, wenn er sagen kann: "I ran Sparta"?

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foto: thomas rottenberg

Aber der Reihe nach: Dimitri ist ein ebenso netter wie geduldiger und tiefreligiöser Mann. Er war unser Fahrer: Fünf Tage lang chauffierte er mich und ein Schippel anderer Journalisten vergangene Woche über den Peloponnes. Den wollte uns die Griechische Zentrale für Fremdenverkehr gemeinsam mit dem AUA-Ferienflugprogramm "My Holiday" näherbringen. An Sparta und seiner Geschichte kommt man da natürlich nicht vorbei. Aber: Wer solche Intensivpressereisen nicht vor allem im Bus oder beim Essen sitzend verbringen will, muss sich an den Rändern Zeit freischaufeln. Genau genommen gibt es da nur einen möglichen Rand: den frühen frühen Morgen.

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foto: thomas rottenberg

In der Regel schaue ich in solchen Fällen auf den Stadtplan und irgendwelche Laufseiten und bastle mir etwas zusammen, von dem ich hoffe, dass es ein mögliches und subjektiv gültiges Bild der Stadt liefern könnte. Aber zu Sparta – dem von heute – hatte ich nicht wirklich viel interessant Klingendes gefunden.

Also trabte ich einfach los – und fand das Stadion. Direkt hinter der Leonidas-Statue. Das Tor war offen. Der Student, der hier darauf wartete, dass sein Nachtwächterjob zu Ende gehen möge, sah mich verdutzt an: "Why do you even ask? This is a stadium! Of course you may run here. This is the purpose of a place like that. " Versuchen Sie das einmal in Österreich ...

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foto: thomas rottenberg

Der Haken an der Bahn: Bahnlaufen wird rasch fad. Saufad. Zumindest dann, wenn man alleine trainiert und kein spezielles Ziel oder Programm hat. 400 Meter. Beim dritten Mal hat man nicht nur ziemlich, sondern tatsächlich alles gesehen: Fußballplatz, Tribünen, Panorama.

Um konzentriert und fokussiert zu trainieren, ist das okay. Aber fad. Außer, man findet eine Aufgabe. Oder ein Thema.

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foto: thomas rottenberg

Meines lag auf der Hand: Lauftechnik. Oder "Lauf-ABC". Oder "Ministry of Silly Walks". Also jene Übungen, die auszulassen man (oder eben: ich) rasch 1.000 gute Gründe findet. Weil man die Gegend genießen will. Weil man wen trifft. Weil man dabei nicht gesehen werden will ... Darüber, dass Lauftechnikübungen wichtig sind, brauchen wir nicht zu diskutieren. Darüber, dass mir die Disziplin fehlt, sie regelmäßig zu machen, auch nicht. Und schon gar nicht darüber, dass ich viel zu wenig Härte in mir habe, ab und zu auch barfuß zu üben.

Aber Hoppla: Disziplin? Härte? Das hier ist doch Sparta!

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Zugegeben: Lustvolles Genusslaufen schaut natürlich anders aus, als doofes und superanstrengendes Hopser- und Figurenlaufen auf der Aschenbahn um halb sieben in der Früh.

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Doch der Qual folgte die Belohnung quasi auf dem Fuß: Dimitri brachte uns natürlich auch an Ecken, die so Griechenland sind, wie man Griechenland kennt. Oder sich zumindest wünscht: also Strand, Meer, Ausblick, Ruhe – und keine Leute.

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foto: thomas rottenberg

Und zwar nicht nur dann, wenn man sich vor Sonnenaufgang aus dem Bett schält, die Küstenstraße entlangrennt und der Sonne beim Über-die-Berge-des-Festlandes-in-den-Himmel-Krabbeln zusehen kann. Auf Elafonissi geht das. Angeblich nicht nur in der Vorsaison: 1.100 Einwohner im einzigen Ort, keine 2.500 Betten auf der ganzen Insel – und wer länger als fünf Minuten mit dem Rad (oder Auto) fährt, findet auch in der Hauptsaison "seine" Bucht. Schwört der Bürgermeister.

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Ich bin geneigt, ihm zu glauben. Denn fünf Laufminuten außerhalb des Ortskerns endet die touristische "Ausbaustrecke": Da sind weder Tavernen noch "Beachclubs", sondern nur noch Landschaft, Schafe und der Blick ins Weite.

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Und wie sich das auf einer griechischen Insel gehört, ist das Gelände schön kupiert: Da braucht die Sonne gar nicht wirklich hoch am Himmel zu stehen, um mich das Shirt ausziehen zu lassen.

Aber keine Angst: Das ist noch nicht der alljährlich-obligate Posting- und Zugriffszahlenmaximierungsartikel zum Thema "Dürfen Männer oben ohne laufen?". Das hier ist Griechenland. Was "gymnos" heißt und wieso daraus "Gymnastik" wurde, sollten Sie wissen. Oder googeln. Da geht sich Oben-ohne-Laufen allemal aus.

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Und wenn es Sie wirklich stört: Genießen Sie halt den Blick auf Pflanzen und Kräuter ...

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... oder Boote, die fernab vom Strand auf dem Hügel herumliegen: griechische Bilder halt.

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Apropos Boote: Nach Elafonissi kommt man vom Festland nur mit der Fähre. Obwohl man die paar hundert Meter auch schwimmen könnte. Vielleicht sogar waten. Dabei kommt man dann an einer versunkene Stadt von vor über 2.000 Jahren vorbei, die demnächst als Tauchdestination erschlossen werden soll. Vorausgesetzt, das Geld dafür ist da.

Von der Fähre aus sieht man zwar bis zum Meeresgrund, aber die Stadt findet man nur im Pressematerial. Und wer hier als Erster irgendeine "Atlantis"-Anspielung macht, muss eine Runde aussetzen.

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Die Sonne klettert am Meer schneller höher als daheim. No na. Dann wird aus "magischem Morgenlicht" rasch "ideales Fotolicht". Sagen echte Fotografen. Aber hier sind keine: Es ist knapp vor sieben Uhr morgens - und obwohl ich jetzt zweimal (beim Loslaufen und jetzt, beim Zurückkommen) durch den gesamten Ort gelaufen bin, habe ich außer dem Popen und einer alten Frau in Schwarz am Weg zur Kirche (hallo Klischee!) noch keine Menschenseele gesehen.

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Obwohl das nicht ganz stimmt: Drei oder vier Fischerboote sind an mir vorbeigefahren. Und: Dimitri kam mir entgegen. Er war, vor der alten Frau, schon in der Kirche, steht jetzt bei seinem Bus putzt die Scheiben und kontrolliert irgend etwas im Motor. "Ein bisserl 'monkish' ist er schon", denke ich – und fühle mich genau deshalb wohl: Während ich den Pier entlang weiterlaufe, überlege ich, in wie vielen Bussen ich schon, statt über Votivbilder und Rosenkränze am Rückspiegel zu spötteln, zu allen Göttern von Antike bis Gegenwart betete, da wieder heil herauszukommen.

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Natürlich fehlt dieser Geschichte noch etwas, um sie rund zu machen: Laufen auf einer Insel ist ja nur gültig, wenn man auch tatsächlich am Strand rennt. Im Sand. Weil das so schön anstrengend ist. Und sich so superfein anfühlt. Nur lagen die Sandstrände halt in der falschen Richtung, um der Sonne beim Aufgehen zuzusehen. Und manchmal muss man Entscheidungen treffen.

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Für mich war sie die richtige: Der Sandstrand kam ganz zum Schluss. Ein Kilometer. Und dann: ab ins Meer. Es ist schließlich Griechenland. Da geht das gar nicht anders. (Thomas Rottenberg, 5.6.2015)

Anmerkung im Sinne der redaktionellen Richtlinien:

Die Reise auf den Peloponnes war eine Einladung der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr und von Austrian My Holidays.

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